Langeweile in den Ferien? Unsere Kinder mussten das Wort googeln

Langeweile in den Ferien? Unsere Kinder mussten das Wort googeln auf bilderbuchfamilie.at

Langeweile soll in den Sommerferien ein ernsthaftes Problem sein. Zumindest berichten andere Eltern davon. Kaum sind einige schulfreie Tage vergangen, stehen Kinder angeblich mitten im Wohnzimmer und erklären mit einer Verzweiflung, die man sonst eher von Menschen nach mehrwöchiger Isolation erwarten würde: „Mir ist langweilig.“ Besonders rätselhaft scheint dabei zu sein, dass dieser Satz häufig in Wohnungen fällt, in denen Bücher, Spielsachen, Computer, Bastelmaterial und ungefähr zweihundert andere Beschäftigungsmöglichkeiten vorhanden sind. Bei uns kommt das natürlich kaum vor. Unsere Kinder besitzen offenbar die seltene Fähigkeit, freie Zeit eigenständig mit Inhalt zu füllen.

Als Sophie das Wort „Langeweile“ vor einiger Zeit im Zusammenhang mit den Ferien hörte, wollte sie tatsächlich wissen, was genau damit gemeint sei. Sandra erklärte ihr, dass man damit diesen Zustand bezeichnet, in dem man nichts zu tun weiß. Sophie dachte kurz darüber nach und sagte dann: „Aber man kann doch immer irgendwas machen.“ Damit war das Thema eigentlich abgeschlossen. Tom erklärte ergänzend, dass man im schlimmsten Fall zocken könne, und Lena wies darauf hin, dass auch Nichtstun manchmal ganz angenehm sei. Drei Kinder, drei Lösungen für ein Problem, das wir bislang kaum besitzen.

Ein völlig freier Tag löst bei uns keine Panik aus

Manchmal steht in unserem Familienkalender tatsächlich nichts. Kein Ausflug, kein Besuch, kein Termin und keine besondere Aktivität. Für manche Eltern soll ein solcher Tag gefährlich sein. Schließlich könnten die Kinder entdecken, dass ihnen niemand ein Programm vorbereitet hat. Sandra betrachtet einen leeren Ferientag dagegen als ausgesprochen erfreulich. Sie muss nichts organisieren und geht davon aus, dass drei Kinder im Alter von neun, elf und dreizehn Jahren einige Stunden ihres Lebens auch ohne professionelle Animation überstehen können.

Erstaunlicherweise tun sie genau das. Nach dem Frühstück verschwindet Lena irgendwann in ihrem Zimmer, Tom überlegt, ob Freunde Zeit haben, und Sophie beginnt mit irgendeinem Projekt. Niemand steht erwartungsvoll vor Sandra und fragt, was sie jetzt machen sollen. Gelegentlich fragt sie sogar selbst, ob jemand Lust hätte, gemeinsam etwas zu unternehmen. Dann bekommt sie durchaus die Antwort, dass heute eigentlich schon etwas anderes geplant sei. Von den Kindern. Ohne sie. Sandra trägt diese Zurückweisung mit bemerkenswerter Würde.

Sophie langweilt sich höchstens zwölf Minuten

Natürlich sagt auch Sophie gelegentlich, dass ihr langweilig ist. Wir möchten schließlich nicht den Eindruck erwecken, unsere Kinder seien vollständig von gewöhnlichen menschlichen Zuständen befreit. Bei Sophie dauert Langeweile allerdings selten besonders lange. Sie setzt sich hin, schaut ein wenig durch die Gegend und wartet offenbar darauf, dass ihr Gehirn ein neues Projekt produziert.

Normalerweise funktioniert das zuverlässig. Wenige Minuten später werden Papier, Klebeband, Stifte und mindestens ein Gegenstand benötigt, dessen Zusammenhang mit dem geplanten Vorhaben Sandra nicht sofort versteht. Aus Langeweile entsteht dann beispielsweise ein Hotel für Stofftiere, eine Speisekarte für ein erfundenes Restaurant oder eine Ausstellung, für die sämtliche Familienmitglieder später Eintrittskarten erhalten. Sandra hat gelernt, diese Prozesse nicht unnötig durch Vorschläge zu unterbrechen. Sophies Langeweile erledigt sich schließlich meistens selbst, bevor Erwachsene überhaupt kreativ werden müssen.

Tom kennt immer eine vollkommen sinnvolle Alternative

Bei Tom ist die Sache noch einfacher. Ein elfjähriger Junge mit Freunden, Roller, Computer und Interesse an Technik benötigt schon außergewöhnliche Umstände, um wirklich nichts mit sich anfangen zu können. Wenn draußen jemand Zeit hat, ist Tom weg. Wenn niemand Zeit hat, gibt es den Computer. Wenn die Bildschirmzeit irgendwann beendet ist, findet sich erstaunlicherweise trotzdem noch etwas.

Gelegentlich landet er dann bei Markus und fragt, was dieser gerade macht. Aus einer kurzen Frage kann ein halber Nachmittag werden, wenn irgendwo Technik beteiligt ist. Oder Tom untersucht irgendeinen Gegenstand, fährt eine Runde mit dem Roller oder beginnt etwas, das aus Erwachsenensicht zunächst vollkommen zweckfrei aussieht. Sandra fragt inzwischen kaum noch nach dem pädagogischen Nutzen. Ein Kind, das sich freiwillig zwei Stunden mit irgendeinem technischen Kleinteil beschäftigt, darf seine Ferien unserer Ansicht nach durchaus selbst verwalten.

Lena hat sogar für freie Zeit Interessen

Bei Lena ist Langeweile ohnehin organisatorisch schwierig unterzubringen. Sie könnte Musik hören, singen, Texte schreiben, lesen, sich mit Freundinnen treffen oder einfach Zeit in ihrem Zimmer verbringen. Wenn tatsächlich einmal nichts davon interessant klingt, besitzt sie außerdem die erstaunliche Fähigkeit, schlicht nichts zu tun.

Das irritiert Sandra gelegentlich. Lena kann auf dem Sofa liegen, aus dem Fenster sehen oder Musik hören, ohne nach fünf Minuten zu verlangen, dass jemand ihren Tag rettet. Wenn Sandra fragt, ob ihr langweilig sei, antwortet Lena manchmal: „Nein, ich mache gerade einfach nichts.“ Offenbar gibt es einen Unterschied. Für eine Dreizehnjährige ist diese Erkenntnis bemerkenswert weit entwickelt. Markus selbst braucht bis heute meistens ein Gerät in Reichweite, wenn er nichts tut.

Wir besitzen keinen Ferien-Unterhaltungsdienst

Sandra hat nie die Aufgabe übernommen, ihre Kinder während sämtlicher freier Stunden zu beschäftigen. Das wäre bei drei Kindern vermutlich ohnehin ein Vollzeitberuf mit ungünstigen Arbeitszeiten. Natürlich plant sie gemeinsame Unternehmungen, macht Ausflüge und freut sich, wenn alle zusammen etwas machen. Aber zwischen diesen Aktivitäten gibt es schlicht freie Zeit.

Unsere Kinder scheinen das nicht als organisatorisches Versagen zu betrachten. Sie erwarten morgens keine Präsentation des heutigen Ferienprogramms. Niemand verlangt drei Alternativen für den Nachmittag und eine Schlechtwetteroption für den Fall, dass die erste Idee ausfällt. Wenn nichts geplant ist, ist eben nichts geplant. Das klingt erschreckend banal und funktioniert bei uns deshalb selbstverständlich hervorragend.

Selbst schlechtes Wetter erzeugt keine existenzielle Krise

Regen könnte theoretisch die Lage verschärfen. Gerade in den Ferien scheint ein grauer Tag für manche Kinder die Frage aufzuwerfen, warum ihre Eltern das Wetter nicht besser organisiert haben. Unsere reagieren erstaunlich pragmatisch. Wenn es draußen unangenehm ist, bleiben sie eben häufiger drinnen.

Tom freut sich über einen guten Grund für zusätzliche Computerzeit. Lena findet ohnehin genügend Beschäftigung. Sophie verwandelt die Wohnung in eine Kreativwerkstatt. Wenn mehrere Regentage aufeinanderfolgen, kann die Stimmung selbstverständlich etwas weniger bilderbuchmäßig werden. Dann geht Tom seinen Schwestern auf die Nerven, Sophie braucht mehr Aufmerksamkeit und Lena zieht sich demonstrativ zurück. Doch selbst diese dramatische Eskalation endet meistens damit, dass nach einiger Zeit wieder jeder etwas gefunden hat.

Niemand muss jede Minute sinnvoll nutzen

Ein besonders beruhigender Aspekt unserer Ferien besteht darin, dass niemand ständig überprüfen muss, ob die Kinder ihre Zeit „sinnvoll“ verbringen. Tom darf herumliegen. Lena darf Musik hören. Sophie darf eine Stunde lang ein Stück Karton bemalen, dessen späterer Verwendungszweck selbst ihr noch nicht vollständig klar ist.

Markus und Sandra verfolgen keine Ferienleistungskennzahlen. Am Abend wird nicht kontrolliert, ob ausreichend gelesen, gelernt, Sport betrieben und kulturelle Bildung konsumiert wurde. Manchmal war ein Tag einfach nur ein Tag. Unsere Kinder scheinen dadurch erstaunlicherweise weder ihre Fähigkeiten noch ihre Persönlichkeit zu verlieren. Am nächsten Morgen sind sie immer noch dieselben. Das erleichtert vieles.

Der Satz „Was soll ich machen?“ fällt erstaunlich selten

Natürlich hören wir diese Frage gelegentlich. Vor allem Sophie kommt manchmal zu Sandra und möchte wissen, was sie machen könnte. Sandra schlägt dann vielleicht ein oder zwei Dinge vor. Häufig werden beide Vorschläge abgelehnt.

Früher hätte sie möglicherweise versucht, weitere Ideen zu produzieren. Inzwischen weiß sie, dass Sophie nur wenige Minuten später selbst etwas findet, das wesentlich interessanter ist als alles, was ihre Mutter hätte vorschlagen können. Das ist ausgesprochen praktisch. Sandra spart kreative Energie und Sophie bekommt am Ende genau die Beschäftigung, die sie tatsächlich möchte. Eine effizientere Arbeitsteilung lässt sich kaum vorstellen.

Geschwister sind natürlich jederzeit hervorragende Unterhaltung

Drei Kinder haben außerdem einen großen Vorteil: Wenn wirklich niemand weiß, was er tun soll, existieren noch zwei Geschwister. Natürlich sind Lena, Tom und Sophie nicht permanent begeistert davon, miteinander Zeit zu verbringen. Aber erstaunlich oft entsteht aus Langeweile doch irgendeine gemeinsame Aktivität.

Tom neckt Sophie, Sophie verfolgt Tom, Lena mischt sich ein und wenige Minuten später spielen oder reden alle drei miteinander. Manchmal sieht das von außen weniger nach harmonischer Freizeitgestaltung und mehr nach einem kleineren gesellschaftlichen Experiment aus. Trotzdem sind sie beschäftigt. Sandra betrachtet damit ihren Auftrag als erfüllt.

Auch Markus wird gelegentlich zum Ferienprogramm

Wenn Markus zu Hause ist, besitzt er für Tom eine besondere Anziehungskraft. Alles, was nach Reparatur, Computer oder technischem Projekt aussieht, kann sofort zum Programmpunkt werden. Markus möchte vielleicht nur etwas Kleines erledigen und stellt fünf Minuten später fest, dass Tom danebensteht und Fragen stellt.

Sophie kommt ebenfalls gerne dazu, wenn Werkzeug sichtbar wird. Lena beobachtet solche Projekte lieber aus sicherer Entfernung. So kann ein Nachmittag vollkommen ungeplant vergehen. Am Ende funktioniert irgendein Gerät wieder, Tom hat etwas gelernt und Markus hat für eine Arbeit, die allein zehn Minuten gedauert hätte, ungefähr eine Stunde benötigt. Familienzeit lässt sich schließlich nicht in Effizienz messen.

Fernsehen ist bei uns keine pädagogische Niederlage

Selbstverständlich gibt es auch Tage, an denen unsere Kinder einfach etwas ansehen. Nicht jede freie Stunde muss durch handwerkliche Meisterleistungen oder naturpädagogische Erlebnisse gefüllt werden. Manchmal läuft ein Film. Manchmal schaut Tom etwas am Computer. Lena sieht eine Serie und Sophie entdeckt ein Video, das sie unbedingt interessant findet.

Sandra empfindet dabei keine unmittelbare Schuld. Die Kinder haben Ferien. Wenn ein Nachmittag teilweise vor einem Bildschirm stattfindet, wird dadurch unsere gesamte Erziehungsleistung erstaunlicherweise nicht rückwirkend ungültig. Noch bemerkenswerter ist, dass sie danach meistens wieder etwas anderes machen. Die Geräte müssen ihnen offenbar nicht gewaltsam aus den Händen operiert werden.

Aus Langeweile entstehen bei uns regelmäßig erstaunliche Dinge

Einige der schönsten Ideen unserer Kinder entstehen tatsächlich an Tagen, an denen vorher nichts vorgesehen war. Sophie baut Dinge, auf die niemand gekommen wäre. Tom entdeckt irgendein neues Interesse und Lena verbringt Zeit mit Musik, weil sie gerade Lust darauf hat. Hätten Markus und Sandra jede Stunde geplant, wäre für solche Dinge vermutlich deutlich weniger Raum.

Natürlich bewundern wir diese Entwicklung sehr. Nicht laut, denn sonst könnten die Kinder bemerken, dass sie gerade etwas pädagogisch Wertvolles tun und unverzüglich damit aufhören. Wir lassen sie lieber in dem Glauben, sie würden einfach ihre Ferien verbringen.

Sandra darf sich gelegentlich sogar selbst langweilen

Der vielleicht größte Luxus besteht darin, dass Sandra nicht automatisch verantwortlich wird, sobald eines der Kinder nichts zu tun hat. Dadurch entstehen Momente, in denen tatsächlich alle beschäftigt sind und sie selbst plötzlich keinen dringenden Auftrag hat.

Anfangs war das gewöhnungsbedürftig. Drei Kinder befinden sich in der Wohnung, und niemand braucht etwas. Kein Ausflug muss vorbereitet werden, kein Streit geschlichtet und keine Beschäftigung erfunden werden. Sandra kann sich hinsetzen und einen Kaffee trinken. Gelegentlich schaut sie dann nach einigen Minuten nach, ob wirklich alles in Ordnung ist.

Natürlich ist alles in Ordnung.

Ferien dürfen bei uns einfach leer aussehen

Unsere Sommerferien bestehen deshalb nicht aus neun Wochen Höhepunkten. Manche Tage sind aufregend, andere vollkommen gewöhnlich. Es gibt Ausflüge, Freunde, Familienaktivitäten und ebenso Nachmittage, von denen sich am nächsten Tag niemand mehr erinnern wird, was eigentlich passiert ist.

Genau diese Tage scheinen unsere Kinder erstaunlich gut auszuhalten. Sie müssen nicht permanent unterhalten werden und erwarten nicht, dass jeder freie Moment etwas Besonderes bietet. Wenn einmal nichts geschieht, geschieht eben nichts.

Das Problem der Langeweile ist bei uns damit weitgehend gelöst, ohne dass wir es jemals richtig gelöst hätten.

Unsere Kinder beschäftigen sich.

Oder sie tun eine Weile gar nichts.

Und wenn Sophie doch einmal wieder vor Sandra steht und mit schwerem Seufzen verkündet: „Mama, mir ist sooo langweilig“, reagiert Sandra mittlerweile vollkommen ruhig.

Sie weiß schließlich, dass sie nur ungefähr zwölf Minuten durchhalten muss.

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