Urlaub mit Teenagern soll kompliziert sein. Offenbar gibt es Familien, in denen die Vorstellung von zwei gemeinsamen Wochen nicht bei allen Beteiligten dieselbe Begeisterung auslöst. Jugendliche möchten lieber bei Freunden bleiben, Kinder finden Ausflüge langweilig und spätestens bei der Frage nach dem Urlaubsziel zerfällt die Familie angeblich in mehrere Interessengruppen. Dazu kommen Zimmeraufteilungen, Essenswünsche, Bildschirmzeiten und die erstaunliche Fähigkeit junger Menschen, selbst an einem wunderschönen Urlaubsort auszusehen, als wären sie gegen ihren Willen dorthin verschleppt worden. Bei uns ist das natürlich anders. Wenn Markus und Sandra einen Familienurlaub ankündigen, reagieren Lena, Tom und Sophie mit nahezu identischer Vorfreude. Schließlich gibt es für Kinder kaum etwas Schöneres, als über längere Zeit fast ununterbrochen mit den eigenen Eltern und Geschwistern zusammen zu sein.
Besonders gespannt waren wir darauf, wie sich Lena mit 13 entwickeln würde. Eigentlich müsste langsam jenes Alter beginnen, in dem gemeinsame Ferien mit Mama und Papa geringfügig an Attraktivität verlieren. Bisher merken wir davon nichts. Lena fragt nicht, ob eine Freundin mitkommen darf, prüft nicht zuerst das WLAN des Hotels und möchte auch nicht wissen, wie viele Stunden täglich zur freien Verfügung stehen. Sie freut sich einfach auf den Familienurlaub. Sandra versucht, das nicht persönlich als Beweis außergewöhnlich gelungener Erziehung zu verstehen. Es fällt ihr allerdings schwer.
Lena würde selbstverständlich niemals lieber mit Freunden wegfahren
Natürlich hat Lena Freundinnen und natürlich verbringt sie gerne Zeit mit ihnen. Trotzdem stellt sie einen Familienurlaub nicht infrage. Als Sandra ihr das Reiseziel zeigte, kam keine vorsichtige Frage, ob sie in dieser Zeit vielleicht schon etwas anderes vorhabe. Stattdessen wollte Lena wissen, was man dort unternehmen könne. Kurz darauf hatte sie bereits einige Orte entdeckt, die sie interessieren würden.
Dass sie dafür womöglich einige Tage auf ihre Freundinnen verzichten muss, scheint verkraftbar. Das Smartphone existiert schließlich, und niemand ist nach zwei Wochen Familienurlaub gesellschaftlich vollständig verschwunden. Lena schreibt gelegentlich Nachrichten, erzählt ihren Freundinnen etwas und steckt das Handy danach wieder weg. Niemand muss sie daran erinnern, dass vor ihr gerade eine Landschaft, eine Sehenswürdigkeit oder zumindest ihre eigene Familie sitzt. Sie bemerkt das tatsächlich selbst.
Tom fragt nicht einmal zuerst nach dem WLAN
Bei Tom hatten Markus und Sandra andere Erwartungen. Ein Elfjähriger mit ausgeprägter Begeisterung für Computerspiele könnte die technische Ausstattung eines Urlaubsortes durchaus für relevant halten. Natürlich interessiert Tom, ob es WLAN gibt. Wir wollen hier nicht vollkommen unglaubwürdig werden. Nur ist diese Frage erstaunlicherweise nicht das entscheidende Kriterium für einen gelungenen Urlaub.
Tom freut sich viel mehr darauf, etwas zu erleben. Schwimmen, Rollerfahren, neue Orte ansehen oder irgendeine Aktivität, bei der Bewegung eine Rolle spielt, schlagen den Computer im Urlaub erstaunlich zuverlässig. Wenn abends Zeit ist, darf natürlich gespielt oder etwas angesehen werden. Aber niemand muss morgens den Router verstecken, damit Tom das Hotelzimmer verlässt. Häufig ist er ohnehin der Erste, der wissen möchte, wann es endlich losgeht.
Sophie wäre vermutlich überall begeistert
Mit Sophie haben wir ohnehin das unkomplizierteste Reisemitglied. Für sie beginnt Urlaub bereits damit, dass eine Tasche gepackt wird. Wohin wir fahren, ist beinahe zweitrangig. Hauptsache, es gibt etwas Neues zu sehen und ausreichend Möglichkeiten, Fragen zu stellen. Sophie kann sich über einen Pool ebenso begeistern wie über ein ungewöhnliches Frühstück, ein Souvenirgeschäft oder einen besonders hübschen Stein am Straßenrand.
Dadurch entsteht auch bei der Programmplanung kaum Druck. Natürlich hat Sophie Wünsche, aber die ändern sich ohnehin regelmäßig. Wenn heute ein Tierpark das Wichtigste der Welt ist und morgen doch lieber ein See besucht wird, betrachtet sie diese Entwicklung nicht als Widerspruch. Sie passt ihre Begeisterung einfach an die vorhandenen Möglichkeiten an. Für Eltern ist diese Form flexibler Perfektion ausgesprochen angenehm.
Die Wahl des Urlaubsziels dauert bei uns ungefähr fünf Minuten
Andere Familien sollen wochenlang darüber diskutieren, wohin sie fahren. Einer möchte ans Meer, einer in die Berge, jemand braucht Action und ein anderer möchte einfach nur am Pool liegen. Bei fünf Menschen könnte daraus durchaus ein komplexer Entscheidungsprozess entstehen. Bei uns funktioniert es erstaunlich schnell.
Markus und Sandra suchen einige Möglichkeiten heraus und erzählen den Kindern davon. Lena findet meistens mehrere gut, Tom interessiert sich für die Aktivitäten und Sophie ist ohnehin begeistert. Dann wird entschieden. Niemand erklärt anschließend, dass das andere Reiseziel eigentlich viel besser gewesen wäre. Die Entscheidung gilt einfach. Ein gemeinsamer Urlaub muss schließlich nicht sämtliche individuellen Lebensträume gleichzeitig erfüllen. Unsere Kinder scheinen diese revolutionäre Erkenntnis bereits verinnerlicht zu haben.
Das Packen verläuft ohne größere logistische Krise
Auch das Packen soll mit Kindern eine gewisse Herausforderung darstellen. Dinge werden vergessen, andere völlig unnötig eingepackt und am Ende trägt ein Elternteil Verantwortung für sämtliche Ladekabel, Medikamente und Kleidungsstücke. Unsere Kinder packen natürlich weitgehend selbst.
Lena schreibt sich sogar auf, was sie benötigt. Tom legt seine Sachen zusammen und muss nur gelegentlich daran erinnert werden, dass fünf T-Shirts für einen längeren Urlaub möglicherweise knapp werden könnten. Sophie packt begeistert und würde ohne leichte elterliche Begrenzung vermutlich zwölf Stofftiere, fünf Bastelsets und Gegenstände mitnehmen, die kein Mensch an einem Urlaubsort benötigt. Trotzdem entsteht kein Chaos. Sandra kontrolliert kurz, ergänzt das Nötigste und kann sich anschließend tatsächlich um ihre eigenen Sachen kümmern.
Autofahrten sind bei uns eine Form von Quality-Time
Längere Autofahrten werden ebenfalls vollkommen unterschätzt. Andere Eltern berichten von Fragen wie „Wann sind wir endlich da?“ oder „Wie lange dauert es noch?“, die bereits kurz nach der Abfahrt erstmals gestellt werden. Unsere Kinder wissen selbstverständlich, dass eine Strecke nicht kürzer wird, wenn man alle zehn Minuten nach ihrer verbleibenden Länge fragt.
Im Auto wird Musik gehört, geredet, geschlafen oder aus dem Fenster geschaut. Tom und Sophie können sich sogar längere Zeit nebeneinandersitzen, ohne eine internationale Grenzfrage über die Mitte der Rückbank zu entwickeln. Lena hört gelegentlich mit Kopfhörern Musik, nimmt diese aber freiwillig wieder heraus, wenn jemand mit ihr spricht. Markus fährt, Sandra genießt die Strecke und niemand hat nach 200 Kilometern das Gefühl, die Familie dringend an einer Raststation zurücklassen zu wollen.
Die Zimmerfrage bedroht unsere Harmonie ebenfalls nicht
Wenn fünf Menschen im Urlaub irgendwo untergebracht werden, stellt sich früher oder später die Frage, wer wo schläft. Für Kinder und Jugendliche könnte die Zimmerverteilung von geradezu geopolitischer Bedeutung sein. Unsere drei nehmen sie dagegen bemerkenswert pragmatisch.
Natürlich möchte Lena als Älteste etwas mehr Privatsphäre. Tom möchte möglichst nicht neben Sophie liegen, wenn diese vor dem Einschlafen noch Geschichten erzählt. Sophie wiederum würde am liebsten alle gemeinsam in einem riesigen Zimmer unterbringen, weil das gemütlicher wäre. Trotzdem wird am Ende eine Lösung gefunden. Niemand erklärt die gesamten Ferien für ruiniert, nur weil das Bett nicht exakt dort steht, wo man es sich vorgestellt hatte. Bereits am zweiten Abend wirkt die Aufteilung, als wäre sie nie anders gewesen.
Gemeinsame Ausflüge begeistern selbstverständlich jeden
Urlaub bedeutet bei uns nicht, dass fünf Menschen vierzehn Tage lang exakt dasselbe machen müssen. Trotzdem schaffen wir es erstaunlich häufig, Aktivitäten zu finden, die allen gefallen. Ein Ausflug kann für Lena interessant, für Tom abenteuerlich und für Sophie einfach neu sein. Markus interessiert sich ohnehin für vieles und Sandra freut sich vor allem darüber, dass alle zusammen unterwegs sind.
Selbstverständlich gibt es auch Programmpunkte, die ein Kind weniger spannend findet. Tom muss nicht jedes Museum lieben und Lena muss nicht bei jeder sportlichen Aktivität in Begeisterungsstürme ausbrechen. Der Unterschied besteht nur darin, dass niemand seine mäßige Begeisterung zum Hauptprogramm für die anderen macht. Man fährt mit, schaut es sich an und überlebt sogar anderthalb Stunden, die nicht exakt den eigenen Interessen entsprechen. Für einen Familienurlaub ist diese Fähigkeit beinahe erschreckend wertvoll.
Niemand sitzt demonstrativ schlecht gelaunt daneben
Jugendliche sollen über ein besonderes Talent verfügen, schlechte Laune nonverbal ausgesprochen deutlich zu kommunizieren. Ein Gesichtsausdruck kann offenbar genügen, um sämtlichen Erwachsenen mitzuteilen, dass eine gemeinsame Unternehmung eine schwere Verletzung persönlicher Freiheitsrechte darstellt. Lena verwendet diese Fähigkeit nur sehr sparsam.
Wenn ihr etwas wirklich nicht gefällt, sagt sie es meistens. Danach ist das Thema erledigt. Sie läuft nicht drei Stunden mit einem Gesicht durch eine schöne Altstadt, das jeden Fotografen dazu bringen würde, das Bild vorsichtshalber noch einmal aufzunehmen. Selbst wenn ein Programmpunkt eher für Sophie gedacht ist, macht Lena mit. Gelegentlich hat sie am Ende sogar Spaß. Sie erwähnt das dann erstaunlicherweise freiwillig.
Essen im Urlaub benötigt keine fünf Speisekarten
Auch Restaurants sind bei uns angenehm unkompliziert. Natürlich haben alle Vorlieben. Tom möchte häufig etwas Herzhaftes, Sophie prüft zunächst, ob die Speisekarte etwas Vertrautes enthält, und Lena probiert durchaus gerne Neues. Trotzdem muss kein Restaurant sämtliche Lieblingsgerichte der Familie gleichzeitig anbieten.
Wenn jemand nicht sofort das perfekte Essen findet, wird eben die zweitbeste Möglichkeit bestellt. Sandra muss nicht drei Restaurants verlassen, weil jeweils ein Kind nichts Passendes entdeckt. Niemand überlebt den Abend ausschließlich von Brot, nur um ein Prinzip zu verteidigen. Dadurch können wir tatsächlich dort essen, wo es uns gefällt. Diese außergewöhnliche Freiheit genießen Markus und Sandra sehr.
Smartphones verschwinden erstaunlich oft von selbst
Natürlich begleiten uns Smartphones in den Urlaub. Markus fotografiert, Lena schreibt Nachrichten, Tom schaut etwas nach und Sophie darf ebenfalls gelegentlich ein Gerät benutzen. Trotzdem haben die Bildschirme offenbar verstanden, dass sie im Urlaub nur eine Nebenrolle spielen.
Wenn wir essen, liegen die Geräte meistens weg. Beim Ausflug verschwinden sie irgendwann in Taschen und selbst am Abend muss niemand ständig kontrollieren, was irgendwo online passiert. Besonders Lena überrascht Sandra damit regelmäßig. Eine Dreizehnjährige kann tatsächlich mehrere Stunden verbringen, ohne ihr Smartphone in der Hand zu halten. Medizinische Folgen konnten wir bisher keine feststellen.
Selbst Regen ruiniert nicht sofort den Familienurlaub
Irgendwann regnet es natürlich. Das Wetter besitzt leider keine Verpflichtung gegenüber unserer Bilderbuchfamilie. Trotzdem entsteht daraus keine kollektive Krise. Das geplante Programm wird geändert, jemand sucht eine Alternative und notfalls bleibt man eben eine Weile in der Unterkunft.
Tom kann einen Regentag hervorragend mit Spielen überbrücken, Lena liest oder hört Musik und Sophie findet ohnehin Material für irgendeine Beschäftigung. Markus freut sich heimlich über etwas Ruhe und Sandra stellt fest, dass ein Urlaubstag nicht automatisch wertlos wird, nur weil niemand Sonnencreme braucht. Am nächsten Morgen geht es weiter. Niemand erwähnt noch drei Tage später, dass der Dienstag wegen des Wetters praktisch verloren gewesen sei.
Eltern und Kinder verbringen sogar freiwillig Zeit miteinander
Das eigentlich Erstaunliche am Familienurlaub ist, dass unsere Kinder tatsächlich gerne mit uns zusammen sind. Nicht ununterbrochen und nicht in jedem Moment, aber doch auffallend häufig. Beim Essen wird geredet, bei Ausflügen gelacht und am Abend sitzen wir manchmal noch gemeinsam zusammen.
Lena zieht sich durchaus zurück. Tom möchte gelegentlich einfach spielen und Sophie beschäftigt sich irgendwann allein. Markus und Sandra empfinden das aber nicht als Ablehnung. Im Gegenteil: Gerade weil niemand permanent zur Gemeinsamkeit gezwungen wird, tauchen die Kinder irgendwann von selbst wieder auf. Dann sitzen fünf Menschen zusammen, obwohl keiner dazu verpflichtet wurde. Für Eltern eines werdenden Teenagers ist das fast schon verdächtig schön.
Familienfotos entstehen ohne ausgedehnte Verhandlungen
Natürlich möchten Sandra und Markus im Urlaub gelegentlich ein gemeinsames Foto. Man hört von Familien, bei denen spätestens an diesem Punkt die Stimmung zusammenbricht. Einer möchte nicht fotografiert werden, jemand schaut absichtlich weg und ein Kind erklärt exakt in dem Moment, dass ihm heiß ist.
Unsere Kinder stellen sich hin. Nicht jedes Mal begeistert, aber zuverlässig. Sophie möchte ohnehin auf Fotos, Tom hält einige Sekunden still und Lena schafft es sogar, neben ihren Eltern zu stehen, ohne ihre soziale Stellung gefährdet zu sehen. Nach zwei oder drei Bildern ist alles erledigt. Sandra muss keinen halben Urlaubstag damit verbringen, das einzige Foto zu suchen, auf dem wenigstens vier Familienmitglieder gleichzeitig freundlich aussehen.
Heimfahren möchte am Ende erstaunlicherweise niemand
Nach einigen Tagen oder Wochen könnte man erwarten, dass zumindest ein Teil der Familie froh ist, wieder getrennte Wege gehen zu können. Überraschenderweise beginnt bei uns gegen Ende des Urlaubs eher jene leichte Melancholie, die entsteht, wenn etwas Schönes vorbei ist.
Sophie möchte natürlich länger bleiben. Tom hätte gegen ein paar zusätzliche Ferientage ebenfalls nichts einzuwenden. Selbst Lena sagt gelegentlich, dass der Urlaub schnell vergangen sei. Niemand wirkt erleichtert, endlich wieder Freunde statt Eltern zu sehen. Natürlich freut sie sich auf zu Hause und ihre Freundinnen, aber beides kann offenbar gleichzeitig existieren.
Urlaub mit Teenagern ist bei uns erschreckend unkompliziert
Vielleicht wird es irgendwann anders. Lena wird älter, Tom rückt nach und irgendwann werden vermutlich alle drei eigene Vorstellungen davon entwickeln, wie und mit wem sie ihre Ferien verbringen möchten. Vielleicht kommt dann tatsächlich der Sommer, in dem ein Familienurlaub nicht mehr automatisch Begeisterung auslöst.
Bis dahin genießen wir die aktuelle Situation.
Wir fahren gemeinsam weg.
Alle wollen mit.
Niemand diskutiert tagelang über das Ziel, keiner verbringt den gesamten Urlaub am Handy und die Kinder interessieren sich tatsächlich für Dinge, die ihre Eltern vorgeschlagen haben.
Manchmal sehen Markus und Sandra andere Familien im Urlaub und beobachten einen Teenager, der einige Meter hinter seinen Eltern läuft und mit einem Gesichtsausdruck auf sein Smartphone schaut, als hätte man ihn gerade zu mehreren Wochen Zwangsarbeit verurteilt.
Dann schauen sie zu Lena.
Sie läuft neben ihnen, erzählt irgendetwas und fragt, was wir später noch machen.
Sandra lächelt.
Markus lächelt.
Und beide wissen natürlich genau, dass das ganz normal ist.
Schließlich sind wir eine Bilderbuchfamilie.

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