Bildschirmzeit ist in vielen Familien ein sensibles Thema. Da werden Minuten gezählt, Regeln verhandelt, Geräte versteckt, WLAN-Passwörter geändert und erschöpfte Eltern führen um 20:47 Uhr Diskussionen darüber, ob ein angeblich lebenswichtiges Video nun wirklich noch zu Ende geschaut werden muss. Man hört sogar von Kindern, die ein Smartphone nicht unverzüglich und mit einem dankbaren Lächeln aus der Hand legen, sobald ein Elternteil darum bittet.
Wir kennen solche Geschichten natürlich nur vom Hörensagen.
Bei uns funktioniert der Umgang mit digitalen Medien vollkommen unkompliziert. Unsere drei Kinder haben offenbar schon bei ihrer Geburt verstanden, dass Smartphones, Tablets, Computer und Spielkonsolen zwar nette technische Ergänzungen des Familienlebens sind, aber selbstverständlich niemals so interessant sein können wie ein gemeinsames Gespräch mit den Eltern oder der faszinierende Anblick eines bewölkten Wiener Februarnachmittags.
Während andere Familien also über Bildschirmzeiten diskutieren, diskutieren wir höchstens darüber, welches unserer Kinder heute wieder besonders früh freiwillig aufgehört hat.
Tom beendet Computerspiele selbstverständlich mitten im Spaß
Am ehesten könnte man bei Tom vermuten, dass digitale Medien einmal zu einem Problem werden könnten. Immerhin ist er elf, liebt Computerspiele und teilt mit Markus eine ausgeprägte Begeisterung für Technik. Eigentlich müsste man erwarten, dass gerade er gelegentlich länger vor dem Computer sitzen möchte.
Doch Tom weiß natürlich genau, wann genug ist.
Meistens passiert es sogar mitten im Spiel. Gerade hat er mit Freunden online eine komplizierte Mission begonnen, der Spielstand ist noch nicht gespeichert und aus seinen Kopfhörern tönen hektische Anweisungen seiner Mitspieler. Dann schaut Tom plötzlich auf die Uhr, nimmt die Kopfhörer ab und sagt mit erstaunlicher Ruhe: „Ach, jetzt waren das schon 42 Minuten. Ich glaube, ich sollte lieber aufhören.“
Seine Freunde reagieren darauf inzwischen verständnisvoll. Wahrscheinlich bewundern sie seine Selbstdisziplin.
„Nur noch fünf Minuten“ haben wir von Tom noch nie gehört. Auch „Ich kann jetzt nicht aufhören“ oder „Alle anderen dürfen länger“ gehören nicht zu seinem aktiven Wortschatz. Wenn Sandra erwähnt, dass das Essen fertig ist, steht Tom grundsätzlich sofort auf. Selbstverständlich beendet er vorher noch ordnungsgemäß das Spiel, verabschiedet sich höflich von seinen Freunden und fährt den Computer herunter.
Das Essen wird dadurch niemals kalt.
Manchmal kommt er sogar einige Minuten früher in die Küche und fragt, ob er noch schnell den Tisch decken soll. Vermutlich ist das diese gefürchtete Computerspielsucht, von der man so häufig liest.
Markus muss überhaupt nichts kontrollieren
Markus könnte es sich leicht machen. Als Systemadministrator wäre er technisch durchaus in der Lage, jedes Gerät im Haushalt zu überwachen, Zeitlimits einzurichten, Internetzugänge zu sperren und wahrscheinlich sogar den Toaster vom WLAN zu trennen, falls dieser irgendwann ein verdächtiges Nutzungsverhalten zeigt.
Er braucht das alles nicht.
Natürlich hat er unser Heimnetzwerk trotzdem so organisiert, dass vermutlich eine kleinere Bank neidisch werden könnte. Jedes Familienmitglied hat ein eigenes Profil, sämtliche Geräte sind sauber zugeordnet und irgendwo existiert wahrscheinlich ein Dashboard mit Diagrammen, das exakt zeigt, wann welches Gerät wie viele Daten übertragen hat.
Markus sieht dort aber praktisch nie hinein.
Es wäre ja auch überflüssig. Unsere Kinder informieren uns schließlich freiwillig über ihre Mediennutzung.
Tom erzählt beim Abendessen gelegentlich, dass er heute 37 Minuten gespielt und anschließend noch zwölf Minuten ein Video über Computerhardware angesehen hat. Lena erwähnt beiläufig, dass sie am Nachmittag ein paar Nachrichten beantwortet hat. Sophie berichtet gewissenhaft, dass sie auf dem Tablet drei Bilder gemalt und dabei insgesamt 23 Minuten vor dem Bildschirm verbracht hat.
Markus nickt dann zufrieden.
Nicht weil er kontrollieren möchte. Er freut sich einfach darüber, dass seine Kinder offensichtlich kleine menschliche Datenschutzberichte sind.
Lena findet das echte Leben deutlich spannender
Bei Lena könnte man als Außenstehender möglicherweise sogar noch größere Schwierigkeiten erwarten. Sie ist 13. In diesem Alter sollen Smartphones angeblich eine gewisse Bedeutung entwickeln. Freunde schreiben einander Nachrichten, Videos werden verschickt, Musik wird gehört und irgendwo wartet garantiert eine Plattform darauf, die Aufmerksamkeit eines Teenagers für die nächsten sieben Stunden zu verschlucken.
Lena scheint davon weitgehend unbeeindruckt.
Ihr Smartphone liegt erstaunlich häufig irgendwo herum. Manchmal sogar in einem anderen Zimmer. Für Eltern gewöhnlicher Teenager muss diese Vorstellung vermutlich verstörend wirken.
Wenn eine Nachricht eintrifft, springt Lena nicht sofort auf. Sie beendet zunächst das, was sie gerade tut. Wenn sie singt, singt sie weiter. Wenn sie Hausaufgaben macht, bleiben die Nachrichten eben liegen. Und wenn wir gemeinsam essen, würde sie niemals auf die Idee kommen, ihr Handy auf den Tisch zu legen.
Das Gerät könnte schließlich das Familiengespräch stören.
Noch erstaunlicher wird es am Abend. Lena legt ihr Smartphone regelmäßig selbst weg. Nicht irgendwann nach mehreren Aufforderungen, sondern bevor jemand etwas sagen kann.
„Ich brauche es heute sowieso nicht mehr“, erklärt sie dann.
Sandra versucht in solchen Momenten, nicht zu selbstzufrieden auszusehen. Das gelingt ihr meistens beinahe.
Sophie bevorzugt selbstverständlich pädagogisch wertvolle Bildschirmzeit
Sophie ist mit neun Jahren die Jüngste und damit natürlich besonders anfällig für bunte Bilder, lustige Videos und Apps, die mit kleinen Geräuschen dafür sorgen, dass man plötzlich nicht mehr weiß, wie der Nachmittag verschwunden ist.
Zumindest theoretisch.
In der Praxis verwendet Sophie das Tablet hauptsächlich zum Zeichnen. Sandra hat ihr verschiedene kreative Anwendungen gezeigt, und Sophie erstellt damit kleine Kunstwerke, entwirft Fantasietiere oder malt digitale Hintergründe für Geschichten, die sie später mit ihren Stofftieren nachspielt.
Nach einiger Zeit legt sie das Tablet meistens von selbst beiseite.
„Jetzt möchte ich wieder etwas Echtes basteln“, sagt sie dann.
Natürlich sagt sie das genau so.
Noch nie ist sie auf die Idee gekommen, das Tablet heimlich unter einer Decke weiterzuverwenden. Auch Geräte verschwinden bei uns nicht auf mysteriöse Weise in Kinderzimmern. Niemand behauptet, das Handy gerade dringend für die Hausaufgaben zu brauchen, obwohl auf dem Display zufällig ein Video läuft.
Sophie fragt sogar, bevor sie ein Gerät benutzt, das ihr ohnehin zur Verfügung steht.
Manchmal müssen wir sie regelrecht daran erinnern, dass sie ruhig ein bisschen länger malen darf.
Es ist schwer.
Aber auch solche Belastungen trägt eine Bilderbuchfamilie gemeinsam.
Bei uns gibt es keine Diskussion über das Ausschalten
Der faszinierendste Moment des Tages ist vermutlich der Abend. In vielen Haushalten soll zu dieser Zeit eine Art digitales Endspiel stattfinden. Kinder möchten noch etwas ansehen, Eltern möchten Feierabend, irgendwo fehlen plötzlich Ladekabel und die Definition des Wortes „gleich“ wird erstaunlich großzügig ausgelegt.
Bei uns läuft das anders.
Wenn Sandra sagt, dass für heute Schluss ist, gibt es kein Stöhnen. Niemand verdreht die Augen. Niemand versucht, durch komplizierte juristische Argumentationen weitere drei Minuten herauszuverhandeln.
Tom speichert seinen Spielstand. Lena legt ihr Smartphone weg. Sophie schließt ihre Zeichen-App.
Dann laden alle ihre Geräte ordentlich an den dafür vorgesehenen Plätzen.
Es gibt tatsächlich einen dafür vorgesehenen Platz.
Markus hat eine kleine Ladestation eingerichtet, an der alle Geräte nebeneinander liegen. Abends sieht sie aus wie eine Ausstellung über besonders gehorsame Unterhaltungselektronik.
Kein Smartphone übernachtet im Kinderzimmer. Nicht weil wir es verbieten müssten. Die Kinder wollen das selbst so.
Sie möchten schließlich gut schlafen.
Natürlich.
Das WLAN ist bei uns fast enttäuschend konfliktfrei
Manchmal fragen uns andere Eltern, wie wir das machen. Sie erzählen von täglichen Diskussionen, heimlich verlängerten Bildschirmzeiten oder Kindern, die auf die Frage nach ihrer bisherigen Mediennutzung mit einer erstaunlichen Erinnerungslücke reagieren.
Wir wissen darauf eigentlich keine richtige Antwort.
Bei uns war das nie ein Problem.
Vielleicht liegt es daran, dass Tom nach einer Stunde Computerspielen plötzlich eine fast körperliche Sehnsucht nach frischer Luft entwickelt. Vielleicht liegt es daran, dass Lena Nachrichten grundsätzlich so behandelt, als wären es Briefe aus dem 19. Jahrhundert, die problemlos einige Zeit unbeantwortet bleiben können. Und vielleicht besitzt Sophie einfach die außergewöhnliche Fähigkeit, ein blinkendes Tablet liegen zu lassen, sobald irgendwo Papier, Klebstoff und Glitzer auftauchen.
Jedenfalls mussten Markus und Sandra noch nie mit Internetsperren drohen.
Das wäre auch unangenehm. Markus müsste dafür wahrscheinlich mehrere Sekunden investieren.
Selbst gemeinsame Abende scheitern nie am Smartphone
Wenn wir abends gemeinsam einen Film ansehen, befinden sich fünf Menschen im Wohnzimmer und erstaunlicherweise nur ein einziger Bildschirm ist aktiv.
Niemand kontrolliert nebenbei Nachrichten.
Niemand schaut heimlich kurze Videos.
Niemand hält sein Smartphone so tief neben dem Sofa, dass es angeblich nicht als Bildschirmnutzung zählt.
Wir schauen tatsächlich gemeinsam denselben Film.
Tom kommentiert gelegentlich technische Details, Lena erkennt zuverlässig jede Filmmusik und Sophie stellt Fragen zu Figuren, deren Namen bereits fünfmal erwähnt wurden. Sandra und Markus tauschen Blicke aus und freuen sich darüber, dass alle zusammen sind.
Die Smartphones liegen währenddessen in der Ladestation.
Manchmal leuchtet eines kurz auf.
Niemand bewegt sich.
Es ist fast unheimlich.
Bildschirmzeit ist bei uns vor allem Zeit, die irgendwann einfach endet
Natürlich benutzen unsere Kinder digitale Geräte. Tom spielt. Lena hört Musik und schreibt mit Freunden. Sophie malt auf dem Tablet. Wir leben schließlich nicht in einer Berghütte ohne Stromanschluss, sondern in einer Wiener Wohnung mit einem IT-Spezialisten als Familienvater. Wahrscheinlich verfügen wir über mehr Prozessorleistung als manche kleine Firma.
Nur scheint niemand davon abhängig zu sein.
Die Geräte werden benutzt und anschließend wieder weggelegt. Ohne Drama. Ohne Verhandlungen. Ohne versteckte Ersatzgeräte und ohne die gefürchtete Frage, warum ausgerechnet heute schon Schluss sein soll.
Manchmal beobachten Sandra und Markus ihre Kinder dabei und fragen sich, ob wir vielleicht etwas falsch machen.
Andere Eltern berichten schließlich so leidenschaftlich von Diskussionen über Bildschirmzeit, dass uns beinahe das Gefühl beschleicht, einen wichtigen Teil des Familienlebens zu verpassen.
Aber dann steht Tom freiwillig vom Computer auf, Lena legt ihr Handy beiseite und Sophie fragt, ob wir gemeinsam etwas basteln wollen.
Und wir beruhigen uns wieder.
Es ist vermutlich einfach nur diese ganz gewöhnliche Leichtigkeit, mit der in unserer Bilderbuchfamilie ohnehin alles funktioniert.

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