Morgenroutine mit Kindern: Bei uns muss niemand fünfmal rufen

Morgenroutine mit Kindern: Bei uns muss niemand fünfmal rufen auf bilderbuchfamilie.at

Der Morgen mit Kindern soll in manchen Familien eine gewisse Dynamik entwickeln. Wecker klingeln, niemand steht auf, irgendwo fehlt eine Socke und während ein Elternteil versucht, Frühstück zuzubereiten, stellt ein Kind fest, dass heute unbedingt ein Gegenstand in die Schule mitgebracht werden muss, von dessen Existenz gestern noch niemand wusste. Parallel soll daran erinnert werden, Zähne zu putzen, die Schultasche mitzunehmen und irgendwann tatsächlich die Wohnung zu verlassen. Bei uns ist das natürlich vollkommen anders. Fünf Menschen müssen morgens ungefähr zur gleichen Zeit fertig werden, drei davon sind Schulkinder und trotzdem beginnt unser Tag normalerweise in einer Ruhe, die Außenstehende vermutlich für inszeniert halten würden.

Natürlich sind auch Lena, Tom und Sophie morgens nicht immer begeistert. Wir möchten schließlich nicht behaupten, unsere Kinder würden beim ersten Sonnenstrahl fröhlich aus den Betten springen und gemeinsam ein Lied über den neuen Tag singen. Besonders Tom würde eine solche Darstellung entschieden zurückweisen. Trotzdem geschieht etwas Erstaunliches: Wenn der Wecker klingelt, stehen sie irgendwann tatsächlich auf. Ohne langwierige Verhandlungen, ohne ausgefeilte Bestechungssysteme und meistens sogar rechtzeitig. Sandra muss morgens deshalb weniger eine Familie mobilisieren als beobachten, wie sich der Betrieb beinahe von selbst hochfährt.

Lena braucht eigentlich gar keinen Weckdienst

Bei Lena funktioniert der Morgen ausgesprochen zuverlässig. Sie weiß, wann sie aufstehen muss, und stellt ihren Wecker entsprechend. Sandra muss nicht dreimal ins Zimmer kommen und ankündigen, dass jetzt aber wirklich höchste Zeit sei. Meistens begegnet ihr Lena bereits auf dem Weg ins Badezimmer.

Natürlich ist Lena manchmal müde. Dann sieht sie müde aus, sagt wenig und bewegt sich ein bisschen langsamer. Das beeinträchtigt ihre grundsätzliche Funktionsfähigkeit allerdings kaum. Sie bleibt nicht liegen, bis sämtliche anderen Familienmitglieder fertig sind, und erwartet auch keinen persönlichen Motivationsvortrag. Ein Wecker, einige Minuten und die Erkenntnis, dass Schule leider nicht auf ihren Tagesrhythmus Rücksicht nimmt, reichen vollkommen aus.

Tom führt morgens keine Grundsatzverhandlungen

Tom besitzt erwartungsgemäß eine deutlich innigere Beziehung zu seinem Bett. Wenn der Wecker klingelt, sieht er zunächst keinen offensichtlichen Grund, weshalb dieser Zustand sofort beendet werden sollte. Trotzdem bleibt auch bei ihm das große morgendliche Drama aus.

Sandra ruft ihn einmal. Manchmal ein zweites Mal. Danach erscheint er. Gelegentlich mit einem Gesichtsausdruck, der deutlich macht, dass er die Existenz früher Schulstunden persönlich nicht befürwortet, aber er erscheint. Der berühmte Satz „Noch fünf Minuten“ fällt durchaus. Er bedeutet bei Tom erstaunlicherweise ungefähr fünf Minuten und nicht den Beginn einer halbstündigen diplomatischen Auseinandersetzung.

Sophie ist schon wach, bevor jemand sie braucht

Sophie sorgt dafür, dass Sandra wenigstens bei einem Kind morgens praktisch gar nichts tun muss. Sie ist häufig früh wach und beginnt ihren Tag mit jener Energie, die Erwachsene vor dem ersten Kaffee nur schwer nachvollziehen können. Während Markus noch versucht, sich daran zu erinnern, welcher Wochentag ist, hat Sophie gelegentlich schon entschieden, was sie anzieht und welche Geschichte sie beim Frühstück erzählen möchte.

Das eigentliche Problem besteht eher darin, diese Energie in eine einigermaßen sinnvolle Reihenfolge zu bringen. Sophie könnte problemlos erst ihre Stofftiere versorgen, dann ein Bild beginnen und irgendwann feststellen, dass Schule ebenfalls vorgesehen war. Doch selbst das passiert erstaunlich selten. Sie kennt den Ablauf. Anziehen, Badezimmer, Frühstück, Schulsachen. Kreative Nebenprojekte müssen bis zum Nachmittag warten. Eine bemerkenswerte Selbstbeschränkung für eine Neunjährige.

Das Badezimmer entwickelt sich nicht zum Krisengebiet

Fünf Menschen und eine Wiener Wohnung könnten morgens theoretisch zu einer gewissen Konkurrenz um Badezimmerzeit führen. Bei uns funktioniert selbst das überraschend friedlich. Jeder kennt ungefähr seinen Rhythmus. Wenn jemand länger braucht, wird vorher gefragt oder schlicht ein wenig gewartet.

Lena benötigt natürlich inzwischen etwas mehr Zeit als früher. Tom schafft das Badezimmer dafür mit einer Geschwindigkeit, bei der Sandra gelegentlich Zweifel daran hat, ob sämtliche vorgesehenen Tätigkeiten wirklich stattgefunden haben. Sophie liegt irgendwo dazwischen. Markus und Sandra fügen sich in die verbleibenden Lücken. Niemand hämmert gegen eine Tür und erklärt, dass genau jetzt ein familiärer Notfall eingetreten sei.

Kleidung wird erstaunlicherweise vor dem Verlassen des Hauses gefunden

Auch Kleidung besitzt bei uns morgens die angenehme Eigenschaft, vorhanden zu sein. Lena weiß ohnehin ziemlich genau, was sie anziehen möchte. Sophie entscheidet manchmal länger, aber meistens bereits am Abend oder zumindest früh genug. Tom wiederum betrachtet Kleidung überwiegend unter praktischen Gesichtspunkten. Wenn sie passt, sauber ist und nicht vollkommen absurd aussieht, erfüllt sie ihren Zweck.

Dadurch entstehen kaum jene Situationen, in denen fünf Minuten vor dem Aufbruch plötzlich genau ein bestimmtes Kleidungsstück gesucht werden muss. Natürlich fehlt gelegentlich etwas. Dann wird kurz gesucht und im schlimmsten Fall etwas anderes genommen. Niemand erklärt deshalb den gesamten Morgen für gescheitert. Das Konzept der Ersatzhose hat unsere Familie früh verinnerlicht.

Frühstück ist bei uns tatsächlich eine Mahlzeit

Frühstück soll in manchen Haushalten eine logistische Zwischenstation sein, bei der jeder im Vorbeigehen irgendetwas zu sich nimmt. Bei uns schaffen wir es erstaunlich oft, zumindest für einige Minuten gemeinsam am Tisch zu sitzen. Nicht romantisch bei Kerzenschein, aber doch lange genug, um Nahrung aufzunehmen und festzustellen, wie die Stimmung der Anwesenden ist.

Lena isst ruhig, Sophie erzählt, Tom beginnt erst allmählich wieder vollständige Sätze zu bilden und Markus benötigt Kaffee. Sandra sorgt dafür, dass etwas am Tisch steht und muss dabei niemandem den Löffel zum Mund führen. Unsere Kinder können morgens tatsächlich selbstständig essen. Mit neun, elf und dreizehn Jahren betrachten wir das als eine der wichtigsten Errungenschaften unserer bisherigen Erziehungsarbeit.

Niemand entdeckt jeden Morgen einen neuen Lebensmittelkonflikt

Natürlich mögen unsere Kinder unterschiedliche Dinge. Trotzdem muss Sandra morgens nicht drei individuelle Frühstücksmenüs servieren. Es gibt Auswahl genug, und jeder nimmt sich etwas. Wenn gerade das absolute Lieblingsprodukt fehlt, wird eine Alternative gegessen.

Tom hat diese Fähigkeit besonders perfektioniert. Essen am Morgen muss für ihn vor allem unkompliziert verfügbar sein. Lena weiß ohnehin, was sie möchte, und Sophie kann kurzfristig Wünsche entwickeln, lässt sich aber meist davon überzeugen, dass die Küche um sieben Uhr morgens kein Restaurant mit individueller Speisekarte ist. Damit bleibt das Frühstück bemerkenswert friedlich.

Die Schultaschen wurden schon am Abend gepackt

Ein Großteil unseres morgendlichen Erfolgs beruht selbstverständlich darauf, dass unsere Kinder ihre Schulsachen nicht erst unmittelbar vor dem Verlassen der Wohnung zusammensuchen. Lena packt ohnehin am Abend. Sophie macht das ebenfalls, oft mit deutlich mehr Begeisterung als notwendig. Tom hat nach einigen natürlichen Lernerfahrungen festgestellt, dass ein vorbereiteter Rucksack morgens tatsächlich Vorteile bietet.

Dadurch muss Sandra keine Hefte suchen und Markus nicht unter Zeitdruck Arbeitsblätter ausdrucken. Die Taschen stehen weitgehend fertig da. Natürlich wird gelegentlich noch etwas ergänzt. Eine Trinkflasche etwa oder die Jause. Aber niemand muss morgens das vollständige Schulsystem rekonstruieren.

Turnbeutel verschwinden bei uns nur sehr selten

Der Turnbeutel besitzt bekanntlich eine besondere Fähigkeit, exakt an Tagen unauffindbar zu werden, an denen Turnunterricht stattfindet. Bei uns ist dieses Phänomen erfreulich schwach ausgeprägt. Lena weiß, wann sie Sportsachen braucht. Sophie erinnert sich ebenfalls und Tom besitzt naturgemäß ein besonders großes Interesse daran, ausgerechnet den Sportunterricht nicht ohne Ausrüstung verbringen zu müssen.

Sollte trotzdem etwas fehlen, wird gesucht. Meistens findet es sich dort, wo es ungefähr zu erwarten war. Wir mussten noch nie um 7:25 Uhr eine großangelegte Fahndung im gesamten Wohnhaus einleiten. Sandra empfindet das als großen persönlichen Erfolg, obwohl sie eigentlich nichts dafür kann.

Zähneputzen funktioniert ohne tägliche Motivationskampagne

Auch die Zahnbürste löst bei unseren Kindern morgens keine grundsätzliche Sinnkrise aus. Zähne werden geputzt. Nicht weil Sandra jedes Mal danebensteht und eine Sanduhr hält, sondern weil dieser Vorgang inzwischen offenbar zum Tagesablauf gehört.

Natürlich erinnert sie Sophie gelegentlich daran. Tom wird manchmal gefragt, ob er wirklich schon geputzt hat, worauf eine Antwort folgt, deren Glaubwürdigkeit Sandra kurz anhand verschiedener Indizien bewertet. Lena erledigt es sowieso. Damit benötigt selbst die Mundhygiene keine morgendliche Familienkonferenz.

Markus darf sich hauptsächlich um sich selbst kümmern

Markus genießt morgens einen Luxus, von dem manche Väter vielleicht nur träumen: Er muss nicht darauf warten, dass Sandra ihm exakt erklärt, was mit den Kindern zu tun ist. Er weiß nämlich selbst, wann Schule beginnt und dass Menschen vorher verschiedene Dinge erledigen müssen.

Wenn Sandra beschäftigt ist, macht Markus Frühstück, erinnert jemanden an die Uhrzeit oder hilft bei einem Problem. Niemand muss ihm vorher eine Liste schreiben. Dass ein 42-jähriger Familienvater morgens gleichzeitig seine eigene Hose und die Bedürfnisse seiner Kinder im Blick behalten kann, betrachten wir natürlich als außergewöhnliche Begabung.

Sandra ruft tatsächlich nicht zwanzigmal dieselben Sätze

Natürlich sagt Sandra morgens Dinge wie „Wir müssen bald los“ oder „Denk an deine Trinkflasche“. Sie ist schließlich Mutter und möchte nicht völlig aus der Rolle fallen. Nur wiederholt sie diese Aussagen erstaunlich selten.

Wenn sie Lena etwas sagt, wird es meistens erledigt. Sophie reagiert ebenfalls. Bei Tom kann eine zweite Erinnerung sinnvoll sein, aber selbst dort bleibt die Zahl überschaubar. Sandra muss deshalb nicht irgendwann immer lauter durch die Wohnung rufen, während drei Kinder ihre Stimme erfolgreich als bedeutungsloses Hintergrundgeräusch behandeln.

Die Uhrzeit wird von mehreren Menschen verstanden

Ein weiterer Vorteil unserer Familie besteht darin, dass nicht ausschließlich Sandra weiß, wann das Haus verlassen werden muss. Lena kann eine Uhr lesen. Tom ebenfalls. Sophie hat das Konzept inzwischen auch weitgehend verstanden.

Wenn um 7:30 Uhr Aufbruch geplant ist, beginnen die Kinder deshalb nicht um 7:29 Uhr darüber nachzudenken, ob sie sich vielleicht noch anziehen sollten. Natürlich wird es gelegentlich knapp. Aber selbst dann entsteht eher etwas mehr Geschwindigkeit als vollständiges Chaos. Markus nennt das einen robusten Prozess. Sandra nennt es einfach pünktlich sein.

Schuhe befinden sich meistens im Vorzimmer

Wir möchten an dieser Stelle besonders den Schuhen danken. Sie bleiben in unserer Familie erstaunlich zuverlässig dort, wo Schuhe hingehören. Natürlich steht einmal einer falsch, Sophies Schuhe wandern gelegentlich an ungewöhnliche Orte und Tom besitzt eine besondere Begabung dafür, Dinge einfach auszuziehen und den Vorgang geistig sofort abzuschließen.

Trotzdem endet der Morgen selten in einer Suchaktion nach einem einzelnen Schuh. Wenn etwas wirklich fehlt, findet es sich meistens schnell. Niemand musste bislang mit zwei unterschiedlichen Schuhen in die Schule gehen. Auch diese Möglichkeit hätten Markus und Sandra im Notfall jedoch vermutlich erstaunlich gelassen akzeptiert.

Unterschriften werden nicht erst an der Wohnungstür verlangt

Ein besonders beliebter Morgensport anderer Familien soll darin bestehen, den Eltern unmittelbar vor dem Verlassen des Hauses einen Zettel zu präsentieren, der seit mehreren Tagen unterschrieben werden müsste. Unsere Kinder tun das natürlich fast nie.

Lena ohnehin nicht. Sophie übergibt wichtige Schreiben meist mit der Dringlichkeit amtlicher Post. Und Tom hat gelernt, dass Markus um 7:28 Uhr wenig Begeisterung für Dokumente entwickelt, von denen er gestern noch nichts wusste. Gelegentliche Ausnahmen erhalten trotzdem eine Unterschrift. Schließlich möchten wir die Perfektion nicht unnötig dogmatisch gestalten.

Niemand muss wegen fünf Minuten Verspätung weinen

Natürlich klappt nicht jeder Morgen exakt nach Plan. Jemand verschläft sich, etwas wird gesucht oder das Frühstück dauert länger. Dann geraten wir eben ein bisschen unter Zeitdruck. Erstaunlicherweise bedeutet das nicht, dass sofort alle gleichzeitig schlechte Laune entwickeln.

Man zieht sich schneller an, verkürzt irgendetwas und geht los. Niemand beginnt ausgerechnet dann einen ausführlichen Streit darüber, wer schuld ist. Sandra muss auch nicht erklären, dass ihre gesamte Tagesplanung zerstört sei. Fünf Minuten bleiben fünf Minuten und werden nicht automatisch zu einer moralischen Familienkrise.

Selbst Montage funktionieren fast wie andere Tage

Der Montag besitzt bei uns selbstverständlich ebenfalls keinerlei besondere Macht. Nach dem Wochenende fällt das Aufstehen vielleicht etwas schwerer, aber grundsätzlich passiert dasselbe wie am Dienstag oder Donnerstag. Die Kinder stehen auf, werden fertig und gehen zur Schule.

Tom sieht montags eventuell noch etwas weniger begeistert aus. Lena prüft ihre Woche und Sophie freut sich meistens ohnehin auf irgendetwas. Sandra muss niemanden daran erinnern, dass Wochenende und Schulwoche unterschiedliche institutionelle Konzepte sind. Unsere Kinder akzeptieren die Existenz des Montags erstaunlich widerspruchslos.

Wenn alle weg sind, sieht Sandra beinahe keinen Unterschied

Und dann passiert jeden Morgen das kleine Wunder: Innerhalb relativ kurzer Zeit verlassen mehrere Menschen die Wohnung. Taschen sind dabei, Schuhe an den Füßen und Kleidung an den dafür vorgesehenen Körperstellen. Niemand musste getragen werden.

Plötzlich ist es ruhig.

Sandra räumt noch ein paar Dinge weg, schaut durch die Wohnung und könnte fast glauben, der Morgen sei gar nicht passiert. Natürlich stehen Tassen am Tisch und irgendwo liegt etwas, das noch weggeräumt werden muss. Wir wollen schließlich nicht vollkommen unrealistisch werden.

Aber der große tägliche Kampf bleibt aus.

Unsere Morgenroutine besteht hauptsächlich daraus, morgens Dinge zu tun

Vielleicht ist genau das das Geheimnis. Wir haben keine komplizierte Methode, keine Motivationskarten und keinen ausgefeilten Familienplan an der Wand. Morgens passieren einfach immer ungefähr dieselben Dinge.

Aufstehen.

Anziehen.

Frühstücken.

Zähne putzen.

Sachen nehmen.

Gehen.

Unsere Kinder kennen dieses System inzwischen und überraschen uns täglich damit, dass sie es tatsächlich anwenden.

Natürlich hören wir von anderen Eltern, die morgens mehrfach jedes Kind erinnern müssen, während gleichzeitig etwas gesucht wird und die Uhr unerbittlich weiterläuft. Sandra hört diesen Geschichten interessiert zu.

Dann denkt sie an Tom, der nach dem zweiten Wecken tatsächlich aufsteht.

An Sophie, die schon angezogen am Frühstückstisch sitzt.

Und an Lena, die gelegentlich sogar fragt, warum die anderen noch nicht fertig sind.

Vielleicht sollten wir unsere Routine einmal optimieren.

Aber dafür müssten wir zuerst ein Problem finden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert