Pubertät soll ja eine schwierige Zeit sein. Zumindest hört man das immer wieder. Eltern erzählen von plötzlich verschlossenen Kinderzimmertüren, dramatischem Augenrollen, einsilbigen Antworten und Jugendlichen, die morgens schon schlechte Laune haben, bevor überhaupt jemand etwas zu ihnen gesagt hat. Manche Mütter und Väter sollen sogar irgendwann nicht mehr wissen, ob sie gerade mit ihrem eigenen Kind oder mit einem leicht gereizten fremden Menschen zusammenleben. Bei uns ist das natürlich anders. Lena ist inzwischen 13 und damit theoretisch in einem Alter, in dem Hormone, Selbstfindung und elterliche Peinlichkeit langsam eine Rolle spielen müssten. Praktisch merken wir davon erstaunlich wenig. Wahrscheinlich hat Lena ihre Pubertät einfach besonders gut organisiert.
Der Morgen, an dem Lena beinahe schlechte Laune hatte
Vor ein paar Wochen gab es tatsächlich einen kurzen Moment, in dem Sandra dachte, nun wäre es vielleicht so weit. Lena kam morgens aus ihrem Zimmer, setzte sich an den Frühstückstisch und sagte zunächst nichts. Keine freundliche Begrüßung, keine begeisterte Zusammenfassung ihrer bisherigen Tagesplanung, nicht einmal ein spontanes Kompliment für Sandras Müsli. Sandra wurde sofort aufmerksam. Sollte das tatsächlich jene berüchtigte pubertäre Morgenmuffeligkeit sein, von der andere Eltern erzählen? Markus blieb ruhig. Lena strich sich die Haare aus dem Gesicht, nahm einen Schluck Tee und erklärte schließlich: „Entschuldigt, ich bin heute ein bisschen müde. Ich glaube, ich bin gestern ungefähr zwanzig Minuten zu spät schlafen gegangen.“ Damit war die Krise beendet.
Zur Sicherheit fragte Sandra trotzdem, ob alles in Ordnung sei. Lena sah sie überrascht an. Natürlich war alles in Ordnung. Sie habe nur schlecht geschlafen und wolle niemanden mit ihrer Müdigkeit belasten. Anschließend räumte sie ihr Frühstücksgeschirr weg, wünschte Sophie viel Glück für den Schultag und erinnerte Tom daran, dass er seinen Turnbeutel vergessen hatte. Sandra und Markus sahen sich kurz an. Offenbar hatten sie gerade die dunkelste Phase der Pubertät miterlebt.
Türen lassen sich auch ohne Knallen schließen
Besonders häufig hört man von Eltern pubertierender Kinder, dass Türen plötzlich eine völlig neue Bedeutung bekommen. Sie werden geschlossen, verriegelt und gelegentlich mit solcher Entschlossenheit zugeschlagen, dass Bilder an der Wand verrutschen. Auch das ist bei uns erfreulich unkompliziert. Lena schließt ihre Zimmertür natürlich ebenfalls öfter als früher. Sie möchte Musik hören, schreiben, lernen oder einfach einmal alleine sein. Bevor sie das tut, erklärt sie meistens kurz, weshalb sie jetzt etwas Ruhe braucht. Dann schließt sie die Tür vorsichtig. Sehr vorsichtig. Sandra hat sich einmal gefragt, ob Lena möglicherweise Angst hat, das Türscharnier unnötig zu belasten.
Wenn Sandra später anklopft, kommt fast immer sofort ein freundliches „Ja?“. Noch nie musste sie vor einer verschlossenen Tür stehen und darüber nachdenken, ob sie hineingehen darf. Lena findet Privatsphäre wichtig, aber selbstverständlich nur in einem vernünftigen, familienkompatiblen Ausmaß. Gelegentlich bittet sie Sandra sogar herein, damit sie gemeinsam über irgendein Problem sprechen können. Andere Teenager sollen auf solche Gespräche mit Aussagen wie „Du verstehst das sowieso nicht“ reagieren. Lena sagt eher: „Ich würde gerne deine Perspektive hören.“ Sandra musste sich daran erst gewöhnen.
Eltern bleiben selbstverständlich interessante Menschen
Mit 13 verändert sich angeblich auch der Blick auf die eigenen Eltern. Was früher beeindruckend war, wird plötzlich peinlich. Kleidung, Wortwahl, Musikgeschmack oder bloße Anwesenheit können Teenagern offenbar unangenehm werden. Markus wartet bislang vergeblich auf diesen Moment. Lena findet ihren Vater nach wie vor ziemlich interessant. Wenn er etwas über Technik erzählt, hört sie sogar zu. Nicht immer mit derselben Begeisterung wie Tom, aber doch lange genug, dass Markus seine Erklärung vollständig beenden kann. Das ist bei ihm durchaus eine Leistung.
Sandra wiederum darf Lena weiterhin vor deren Freundinnen ansprechen. Einmal winkte sie ihr sogar auf der Straße zu, obwohl zwei Mitschülerinnen danebenstanden. Lena winkte zurück. Ohne sichtbare Panik. Ohne so zu tun, als hätte sie diese Frau noch nie gesehen. Später erzählte sie beim Abendessen sogar, dass eine Freundin Sandras Jacke schön fand. Sandra war kurz gerührt. Offenbar hatte sie es geschafft, Mutter einer Dreizehnjährigen zu sein, ohne augenblicklich zu einer gesellschaftlichen Belastung zu werden.
Hormone benehmen sich bei uns erstaunlich vernünftig
Natürlich hat auch Lena Gefühle. Manchmal ist sie enttäuscht, manchmal genervt und gelegentlich findet sie Dinge ungerecht. Wir gehen deshalb davon aus, dass auch bei ihr Hormone vorhanden sind. Sie scheinen allerdings außerordentlich höflich zu sein. Wenn Lena sich ärgert, sagt sie meistens, dass sie sich gerade ärgert. Wenn sie Ruhe möchte, bittet sie um Ruhe. Und wenn etwas nicht so läuft, wie sie es sich vorgestellt hat, zieht sie sich kurz zurück und kommt später wieder. Große emotionale Explosionen gibt es selten.
Einmal war sie tatsächlich richtig wütend, weil Tom ohne zu fragen einen ihrer Kopfhörer genommen hatte. Sie stand vor ihm, atmete hörbar ein und sagte: „Ich finde das gerade wirklich respektlos.“ Tom entschuldigte sich, Lena akzeptierte die Entschuldigung und beide gingen wieder ihrer Wege. Markus war ein wenig enttäuscht. Er hatte sich schon auf einen echten Geschwisterkonflikt vorbereitet und innerlich sämtliche Methoden zur Deeskalation aktiviert. Stattdessen dauerte die gesamte Angelegenheit ungefähr vierzig Sekunden.
Auch Geschwister werden in der Pubertät nicht automatisch unerträglich
Lena findet Tom und Sophie selbstverständlich manchmal anstrengend. Tom kann laut sein, Sophie möchte Aufmerksamkeit und beide haben die erstaunliche Fähigkeit, genau dann in Lenas Zimmer zu kommen, wenn sie etwas anderes vorhat. Trotzdem ist daraus bislang keine ernsthafte Teenager-Geschwisterkrise entstanden. Lena erklärt Sophie geduldig, dass sie gerade Zeit für sich braucht, und Tom bekommt gelegentlich einen Blick, der sehr deutlich macht, dass er jetzt besser wieder gehen sollte. Mehr ist meistens nicht nötig.
Umgekehrt merken Tom und Sophie natürlich, dass ihre große Schwester älter wird. Lena verbringt mehr Zeit alleine, interessiert sich für andere Dinge und möchte nicht bei jedem Spiel mitmachen. Selbstverständlich respektieren die beiden das vollkommen. Sophie fragt höchstens dreimal nach, ob Lena wirklich nicht basteln möchte, und Tom beschränkt seine Provokationen auf ein pädagogisch vertretbares Maß. Gelegentlich sitzen die drei dann trotzdem gemeinsam im Wohnzimmer, reden über Schule oder schauen irgendetwas an. Niemand muss sie dazu zwingen. Die Geschwisterbindung scheint die Pubertät bislang einfach übersehen zu haben.
Gespräche mit Eltern bleiben überraschend möglich
Besonders geheimnisvoll sollen Teenager ja werden. Früher erzählen sie alles, später antworten sie angeblich nur noch mit „nichts“, wenn man fragt, was los ist. Auch dieses Stadium lässt bei Lena bislang auf sich warten. Sie erzählt nicht mehr jedes Detail ihres Tages, was Sandra als gesundes Zeichen betrachtet, aber wenn sie etwas beschäftigt, kommt sie meistens irgendwann von selbst. Manchmal setzt sie sich abends zu Sandra in die Küche, manchmal spricht sie mit Markus und gelegentlich braucht sie einfach ein paar Stunden, bevor sie etwas sagen möchte.
Markus und Sandra versuchen ihr dann selbstverständlich nicht sofort zu erklären, wie sie alles lösen soll. Das wäre schließlich unnötig, weil Lena ihre Probleme meistens schon weitgehend sortiert hat, bevor sie überhaupt damit kommt. Oft lautet ihre Einleitung ungefähr: „Ich glaube, ich weiß eigentlich schon, was ich machen möchte, aber ich wollte eure Meinung hören.“ Das ist natürlich sehr praktisch. Andere Eltern müssen offenbar komplizierte Gesprächsstrategien entwickeln, um überhaupt ein paar Informationen aus ihren Teenagern herauszubekommen. Bei uns liefert das Kind Problem, Analyse und Lösung gleich im Komplettpaket.
Selbst Augenrollen hat bei Lena klare Grenzen
Ganz ohne typische Teenagerreaktionen geht es allerdings nicht. Lena rollt manchmal mit den Augen. Wir möchten hier schließlich ein realistisches Bild zeichnen. Besonders Tom schafft es gelegentlich, diese Reaktion hervorzurufen. Markus gelingt es ebenfalls, vor allem wenn er versucht, aktuelle Jugendsprache zu verwenden. Als er beim Abendessen einmal etwas als „cringe“ bezeichnete, schaute Lena ihn mehrere Sekunden lang schweigend an und verdrehte anschließend deutlich die Augen.
Dann musste sie allerdings lachen.
Das war für Markus beruhigend. Er weiß jetzt, dass er wenigstens theoretisch peinlich sein kann. Sandra wiederum betrachtet solche Momente fast liebevoll. Schließlich gehört ein wenig Augenrollen vermutlich zu einer gesunden Entwicklung. Solange Lena danach weiter mit ihnen am Tisch sitzt und erzählt, was in der Schule passiert ist, kann die Familie diese außergewöhnliche Form der Rebellion gerade noch verkraften.
Die Pubertät ist bei uns vermutlich nur eine etwas längere Besprechung
Wir warten also weiterhin gespannt darauf, wann es schwierig wird. Vielleicht kommt die große Phase noch. Vielleicht wird Lena eines Morgens tatsächlich eine Tür zuschlagen. Vielleicht wird sie irgendwann erklären, dass ihre Eltern keine Ahnung haben, ihr Leben ruinieren und grundsätzlich alles falsch machen. Markus hat vorsorglich schon beschlossen, in einem solchen Fall ruhig zu bleiben. Sandra würde vermutlich Tee machen.
Bis dahin läuft die Pubertät erstaunlich unspektakulär. Lena wird selbstständiger, zieht sich manchmal zurück, möchte mehr entscheiden und sieht manches anders als ihre Eltern. Genau genommen passiert also alles, was vermutlich passieren soll. Es klingt nur weniger dramatisch, wenn eine Dreizehnjährige ihre Abgrenzung höflich ankündigt und anschließend fragt, ob noch jemand etwas aus der Küche braucht.
Manchmal sitzen Markus und Sandra abends zusammen und sprechen darüber, wie sehr sich Lena verändert. Dann hören sie aus ihrem Zimmer Musik, kurz darauf kommt sie heraus, setzt sich zu ihnen aufs Sofa und erzählt etwas von ihrem Tag. Vielleicht haben wir einfach Glück.
Oder die Pubertät hat bei der Bilderbuchfamilie verstanden, dass sie sich bitte ordentlich in den bestehenden Ablauf einzufügen hat.

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