Geschwisterstreit? Unsere Kinder einigen sich vorher

Geschwisterstreit? Unsere Kinder einigen sich vorher auf bilderbuchfamilie.at

Geschwisterstreit gehört angeblich zum Familienleben. Kinder sollen sich um Sitzplätze, Spielsachen, Badezimmerzeiten, Süßigkeiten, Fernbedienungen und die Frage streiten, wer wen zuerst provoziert hat. Besonders spannend wird es offenbar dann, wenn niemand mehr genau weiß, worum es eigentlich geht, aber trotzdem alle Beteiligten vollkommen sicher sind, im Recht zu sein. Manche Eltern berichten sogar davon, dass sie mehrmals täglich als Richter, Mediator und Ermittlungsbehörde gleichzeitig tätig werden müssen. Bei uns ist das natürlich anders. Lena, Tom und Sophie haben offenbar schon früh beschlossen, dass Konflikte unnötig viel Zeit kosten und Harmonie deutlich effizienter ist.

Natürlich sind unsere drei Kinder verschieden. Lena ist ehrgeizig und organisiert, Tom lebt etwas stärker aus dem Bauch heraus und Sophie findet grundsätzlich, dass Aufmerksamkeit eine Ressource ist, die möglichst gerecht zu ihren Gunsten verteilt werden sollte. Eigentlich wären damit alle Voraussetzungen für regelmäßige Auseinandersetzungen vorhanden. Trotzdem schaffen sie es erstaunlich zuverlässig, diese Unterschiede in eine Form gegenseitiger Wertschätzung umzuwandeln. Manchmal braucht es dafür sogar fast eine ganze Minute.

Streit beginnt bei uns meistens mit einer höflichen Anfrage

Wenn Tom etwas von Lena möchte, nimmt er es selbstverständlich nicht einfach. Er fragt. Wenn Sophie mit einem Spielzeug spielen möchte, das gerade jemand anderes benutzt, wartet sie geduldig oder erkundigt sich, wann es frei wird. Das klingt vielleicht ungewöhnlich, ist bei uns aber vollkommen normal. Vor ein paar Tagen wollte Tom beispielsweise ein Ladekabel verwenden, das Lena gerade brauchte. Statt es heimlich abzuziehen, stand er in ihrer Tür und fragte, wie lange sie es noch benötigt. Lena schätzte die Restladezeit ihres Geräts auf ungefähr zwölf Minuten. Tom nickte und erklärte, dass er so lange warten könne.

Zwölf Minuten später brachte Lena ihm das Kabel sogar persönlich. Markus beobachtete die Szene aus dem Wohnzimmer und war kurz versucht nachzusehen, ob vielleicht irgendwo eine versteckte Kamera läuft. Sandra blieb gelassen. Sie kennt ihre Kinder schließlich. Dass zwei Geschwister über ein einziges Ladekabel verfügen können, ohne daraus einen Grundsatzkonflikt über Besitzrechte und Gerechtigkeit zu entwickeln, ist bei uns keine Besonderheit, sondern Dienstag.

Lena übernimmt die Mediation, bevor jemand sie braucht

Als Älteste besitzt Lena ohnehin ein bemerkenswertes Gespür dafür, wann eine Situation theoretisch eskalieren könnte. Wenn Tom und Sophie gleichzeitig denselben Platz auf dem Sofa beanspruchen, wartet sie nicht erst darauf, dass einer den anderen wegschiebt. Sie macht einen Vorschlag. Meistens einen, der so vernünftig ist, dass alle Beteiligten sofort zustimmen. Es kommt durchaus vor, dass Sandra gerade Luft holt, um sich einzumischen, und Lena das Problem bereits gelöst hat.

Dabei wirkt sie nie belehrend. Sie sagt nicht: „Ihr müsst euch vertragen.“ Sie erklärt eher, dass Sophie jetzt dort sitzen könne und Tom später, weil er ohnehin gleich etwas aus seinem Zimmer holen wollte. Tom akzeptiert das, Sophie ebenfalls, und Lena setzt sich anschließend an einen anderen Platz. Das Familienleben läuft weiter. Sandra fragt sich gelegentlich, ob sie ihrer Tochter irgendwann offiziell eine kleine Mediationspauschale bezahlen sollte. Bislang lehnt Lena solche Gedanken vermutlich schon aus Prinzip ab.

Tom verzichtet erstaunlich oft auf sein Recht

Tom ist unser Wildfang. Er ist schnell, spontan und verfügt über die Fähigkeit, Dinge zu benutzen, bevor er überhaupt darüber nachgedacht hat, wem sie gehören könnten. Trotzdem schafft er es im Umgang mit seinen Schwestern, erstaunlich großzügig zu sein. Wenn Sophie etwas unbedingt haben möchte, gibt er häufig nach. Nicht immer sofort, schließlich soll der Junge ja einen Rest Persönlichkeit behalten, aber meist nach kurzer Überlegung.

Besonders beeindruckend war kürzlich die Situation mit dem letzten Stück Kuchen. Tom hatte es bereits auf seinen Teller gelegt, als Sophie erklärte, sie habe gehofft, genau dieses Stück zu bekommen. In anderen Haushalten hätte daraus vielleicht eine Debatte über Eigentum, Reihenfolge und frühere Benachteiligungen entstehen können. Tom schaute den Kuchen an, schaute Sophie an und schnitt ihn in zwei Hälften. Sophie war zufrieden. Tom ebenfalls. Lena kommentierte nur, dass er die größere Hälfte behalten habe. Daraufhin schnitt Tom davon noch einen kleinen Streifen ab und legte ihn zu Sophie. Sandra musste sich kurz setzen.

Sophie gewinnt trotzdem erstaunlich häufig

Man könnte nun annehmen, dass Sophie als Nesthäkchen ständig nachgeben muss. Das Gegenteil ist der Fall. Sophie besitzt ein ausgeprägtes Talent dafür, ihre Wünsche so charmant vorzutragen, dass am Ende meistens alle das Gefühl haben, selbst auf die entsprechende Idee gekommen zu sein. Wenn sie mit Tom spielen möchte, erklärt sie ihm beispielsweise, dass seine Variante des Spiels vermutlich besonders lustig wäre. Tom hört darin natürlich ein Kompliment und macht mit.

Auch Lena lässt sich erstaunlich leicht überzeugen, wenn Sophie sich etwas in den Kopf gesetzt hat. Die beiden basteln, malen oder singen zusammen, obwohl Lena ursprünglich etwas anderes vorhatte. Sophie bedankt sich anschließend überschwänglich und räumt ihre Sachen tatsächlich wieder weg. Wahrscheinlich ist genau das der Grund, warum niemand ihre kleinen diplomatischen Erfolge wirklich als Niederlagen empfindet.

Selbst das Kinderzimmer bleibt neutrales Gebiet

Zimmergrenzen sind bei Geschwistern angeblich ein großes Thema. Wer darf hinein? Wer muss anklopfen? Wer hat etwas genommen? Bei uns ist das alles erstaunlich klar geregelt. Lena möchte, dass Tom und Sophie anklopfen, also tun sie das. Tom wiederum interessiert sich weniger für Privatsphäre, erwartet aber, dass niemand seine Sachen ohne Fragen verwendet. Auch das funktioniert. Sophie möchte grundsätzlich, dass alle jederzeit zu ihr kommen dürfen, solange sie dabei ausreichend Aufmerksamkeit mitbringen.

Natürlich gibt es Ausnahmen. Tom vergisst gelegentlich anzuklopfen. Sophie nimmt manchmal einen Stift von Lena, weil sie fest davon überzeugt ist, dass Lena ihn ohnehin nicht mehr braucht. Aber selbst solche Vorfälle enden selten dramatisch. Lena weist darauf hin, Sophie entschuldigt sich und der Stift wandert zurück. Niemand ruft nach Sandra. Niemand fordert ein Familiengericht. Die Türen bleiben heil.

Laut wird es bei uns eigentlich nur beim Spielen

Wer vor unserer Wohnungstür steht, könnte trotzdem gelegentlich glauben, dass gerade ein heftiger Streit stattfindet. Tom und Sophie können beim Spielen beeindruckende Lautstärken erreichen. Wenn Lena dazukommt, wird es nicht unbedingt leiser. Es wird gerufen, gelacht, diskutiert und manchmal klingt ein Satz wie „Das ist unfair!“ durch die Wohnung.

Sandra reagiert darauf inzwischen völlig entspannt. Meistens geht es tatsächlich nur darum, dass jemand bei einem Spiel verloren hat oder eine Regel unterschiedlich interpretiert wurde. Wenige Minuten später sitzen alle wieder zusammen. Selbst der Satz „Ich spiele nie wieder mit dir“ hat bei uns eine durchschnittliche Lebensdauer von etwa neunzig Sekunden.

Anerkennung muss bei uns nicht erkämpft werden

Ein besonders dankbarer Nährboden für Geschwisterkonflikte wäre eigentlich die unterschiedliche Art unserer Kinder. Lena glänzt in der Schule, Tom im Sport und Sophie sorgt mit ihrer Kreativität dafür, dass in unserer Wohnung regelmäßig Dinge aus Papier entstehen, deren Zweck niemand vollständig versteht. Trotzdem entsteht daraus erstaunlich wenig Konkurrenz.

Tom bewundert Lena für ihre Leistungen, obwohl er gelegentlich darüber scherzt. Lena wiederum findet Toms sportliche Fähigkeiten beeindruckend und macht kein Geheimnis daraus, dass sie selbst manche Dinge niemals so selbstverständlich könnte. Sophie wird sowieso von allen bewundert, sobald sie ein neues Kunstwerk präsentiert. Damit ist die familiäre Anerkennungsversorgung offenbar ausreichend gesichert. Niemand muss dem anderen etwas wegnehmen, um selbst gesehen zu werden. Sehr praktisch.

Wenn doch einmal jemand wütend wird, ist das Problem schnell vorbei

Natürlich streiten auch unsere Kinder gelegentlich. Wir wollen schließlich nicht behaupten, dass sie völlig emotionsfreie kleine Diplomaten sind. Manchmal nimmt Tom einen Scherz zu weit, Sophie reagiert beleidigt oder Lena hat einfach keine Lust auf ihre Geschwister. Dann wird es kurz unangenehm. Stimmen werden etwas lauter, jemand verschwindet ins eigene Zimmer oder Sandra hört ein deutliches „Jetzt lass mich einfach!“.

Das Besondere ist nur, dass diese Situationen selten lange halten. Nach einiger Zeit kommt meistens einer der Beteiligten wieder hervor. Es folgt eine Entschuldigung oder zumindest ein vorsichtiger Versuch, wieder Kontakt aufzunehmen. Niemand führt über Tage Listen vergangener Verfehlungen. Niemand eröffnet beim nächsten Streit plötzlich ein Dossier aus dem Vorjahr. Unsere Kinder scheinen Konflikte tatsächlich abzuschließen, anstatt sie sorgfältig für zukünftige Auseinandersetzungen aufzubewahren.

Sandra muss als Schiedsrichterin leider kaum eingreifen

Sandra hat sich als Mutter natürlich darauf vorbereitet, Konflikte zwischen ihren Kindern begleiten zu müssen. Sie könnte zuhören, vermitteln, Gefühle einordnen und darauf achten, dass jeder zu Wort kommt. In der Praxis benötigt sie diese Fähigkeiten deutlich seltener als gedacht. Oft kommt sie zu spät.

Wenn sie aus der Küche ein etwas lauteres Gespräch hört und nachsehen möchte, ist die Sache meistens schon erledigt. Lena hat vermittelt, Tom hat eingelenkt oder Sophie beschlossen, dass das Thema inzwischen uninteressant geworden ist. Sandra steht dann im Türrahmen und fragt, ob alles in Ordnung sei. Drei Kinder schauen sie verwundert an. Natürlich ist alles in Ordnung.

Das ist manchmal fast enttäuschend. Schließlich möchte man als Mutter gelegentlich auch gebraucht werden.

Markus betrachtet Geschwisterstreit eher als technisches Randproblem

Markus wiederum geht Konflikte grundsätzlich mit der Ruhe eines Mannes an, der beruflich schon Serverausfälle erlebt hat. Ein Streit um einen Sitzplatz kann ihn daher nur begrenzt erschüttern. Meistens hört er kurz zu, stellt eine Frage und wartet ab. Er ist überzeugt davon, dass sich viele Probleme von selbst lösen, wenn man nicht sofort hektisch eingreift.

Unsere Kinder bestätigen diese Theorie leider regelmäßig. Bevor Markus seine zweite Frage stellen kann, haben sie oft schon einen Kompromiss gefunden. Er nickt dann, als hätte er genau das beabsichtigt, und widmet sich wieder dem, was er vorher gemacht hat. Niemand muss wissen, dass seine gesamte pädagogische Intervention manchmal nur aus einem ruhigen „Was ist denn passiert?“ bestand.

Vollkommene Harmonie wäre schließlich auch langweilig

Wir sind natürlich froh, dass Lena, Tom und Sophie so gut miteinander auskommen. Ein bisschen Streit gehört trotzdem dazu. Wenn drei Kinder gemeinsam leben, unterschiedliche Interessen haben und sich gegenseitig sehr genau kennen, wäre dauerhafte völlige Einigkeit vermutlich sogar verdächtig. Deshalb akzeptieren wir die gelegentlichen kleinen Explosionen dankbar als Zeichen dafür, dass unsere Kinder tatsächlich Geschwister sind.

Nur scheinen sie einen erstaunlich effizienten Umgang damit entwickelt zu haben. Sie streiten kurz, einigen sich, entschuldigen sich und machen weiter. Manchmal wird sogar schon vor dem Streit ein Kompromiss gefunden. Für Sandra und Markus bleibt dadurch erschreckend wenig zu tun.

Vielleicht ist genau das das Geheimnis unserer Bilderbuchfamilie.

Oder die Kinder haben irgendwann erkannt, dass ein längerer Geschwisterstreit vor allem Zeit kostet, die man deutlich sinnvoller damit verbringen kann, gemeinsam darüber zu diskutieren, was man heute Abend im Fernsehen sehen möchte.

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