Familienregeln: Unsere Kinder stellen strengere Regeln auf als wir

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Familienregeln sind in vielen Haushalten offenbar ein wichtiges Thema. Wann wird das Zimmer aufgeräumt? Wie lange darf gespielt werden? Wer bringt den Müll hinaus? Wann müssen Kinder zu Hause sein? Und wie oft muss man dieselbe Regel eigentlich wiederholen, bevor man sie vorsichtshalber noch ein achtes Mal erklärt? Manche Eltern schreiben Regeln sogar auf, hängen sie an den Kühlschrank und hoffen darauf, dass irgendwann jemand außer ihnen selbst den Zettel liest. Wir haben dieses Problem glücklicherweise nicht. Unsere Kinder halten sich nicht nur an Familienregeln. Sie entwickeln inzwischen eigene und sind dabei gelegentlich deutlich strenger als Sandra und Markus.

Angefangen hat alles vollkommen harmlos. Sandra hatte irgendwann vorgeschlagen, einige Abläufe verbindlicher zu machen, damit nicht ständig jemand fragen muss, wer heute was erledigt. Daraus entstand keine Diskussion, sondern erstaunlicherweise Begeisterung. Lena fand klare Absprachen sinnvoll, Tom erkannte sofort das organisatorische Potenzial und Sophie wollte selbstverständlich ebenfalls mitreden. Seitdem haben wir Familienregeln, die sich mit einer beeindruckenden Geschwindigkeit vermehren. Markus vermutet inzwischen, dass wir bald eine eigene Geschäftsordnung benötigen.

Unsere Familienkonferenz dauert erschreckend kurz

Einmal im Monat setzen wir uns zusammen und besprechen, ob irgendetwas im Familienalltag verändert werden sollte. Andere Familien sollen bei solchen Gesprächen angeblich erleben, dass Kinder ihre Pflichten reduzieren und ihre Rechte erweitern möchten. Bei uns funktioniert es anders. Lena bringt häufig Vorschläge mit, wie Abläufe noch gerechter gestaltet werden könnten. Tom möchte Dinge möglichst unkompliziert regeln und Sophie achtet sehr genau darauf, dass niemand versehentlich zu wenig gemeinsame Familienzeit bekommt.

Die eigentliche Schwierigkeit besteht darin, Sandra und Markus davon abzuhalten, Dinge zu locker zu sehen. Als Markus einmal vorschlug, dass man die Geschirrspülmaschine auch am nächsten Morgen ausräumen könne, wenn es am Abend spät geworden ist, reagierte Lena überraschend kritisch. Schließlich sei vereinbart worden, dass sie vor dem Schlafengehen erledigt werde. Markus erklärte, Ausnahmen seien doch erlaubt. Lena dachte kurz nach und sagte: „Dann sollten wir aber definieren, wann eine Ausnahme eine Ausnahme ist.“ Seitdem äußert Markus Vorschläge vorsichtiger.

Tom hat seine eigene Gaming-Verordnung

Bei Tom könnte man erwarten, dass Familienregeln besonders häufig mit seinen Computerspielen kollidieren. Er liebt Gaming und würde theoretisch vermutlich auch länger spielen, wenn es keine anderen Dinge zu tun gäbe. Deshalb haben wir natürlich vereinbart, dass Schule, gemeinsame Mahlzeiten und andere Aufgaben Vorrang haben. Diese Regel wäre eigentlich völlig ausreichend gewesen. Tom fand sie zu ungenau.

Er wollte wissen, ob „Aufgaben erledigt“ bedeutet, dass nur die Hausaufgaben fertig sein müssen oder ob auch der Schreibtisch aufgeräumt sein sollte. Außerdem müsse man berücksichtigen, ob am nächsten Tag eine Schularbeit stattfinde. Markus versuchte zu erklären, dass man solche Dinge situativ entscheiden könne. Tom fand das wenig befriedigend und formulierte für sich selbst ein wesentlich strengeres System. Inzwischen prüft er vor dem Spielen selbst, ob alle wichtigen Dinge erledigt sind. Gelegentlich erinnert Sandra ihn daran, dass er ruhig schon anfangen könne. Tom antwortet dann, dass er zuerst noch etwas fertig machen möchte. Es ist schwer, in solchen Momenten konsequent streng zu bleiben.

Lena betrachtet Absprachen fast als Vertrag

Für Lena besitzen Familienregeln ohnehin einen besonderen Stellenwert. Wenn etwas vereinbart wurde, gilt es. Punkt. Sie erinnert sich zuverlässig daran, wann sie welchen Küchendienst übernommen hat, welche Uhrzeit für eine gemeinsame Aktivität vereinbart wurde und wer zuletzt etwas erledigt hat. Niemand hat sie darum gebeten. Es passiert einfach.

Besonders unangenehm wird das für die Erwachsenen, wenn sie selbst eine Regel vergessen. Sandra hatte beispielsweise einmal festgelegt, dass nach dem Abendessen niemand sein benutztes Glas einfach im Wohnzimmer stehen lässt. Einige Tage später tat sie genau das. Am nächsten Morgen stand das Glas immer noch dort. Lena sagte nichts Vorwurfsvolles. Sie nahm es auch nicht weg. Sie sah nur kurz zu Sandra und anschließend zu dem Glas. Sandra räumte es sofort in die Küche. Seitdem wissen wir, dass Familienregeln tatsächlich für alle gelten.

Sophie hat Regeln für Dinge erfunden, die niemand regeln wollte

Sophie wiederum beschäftigt sich weniger mit organisatorischer Gerechtigkeit und stärker mit den wirklich wichtigen Bereichen des Familienlebens. Für Bastelmaterialien existiert inzwischen eine erstaunlich genaue Ordnung. Glitzer darf beispielsweise nur auf einer bestimmten Unterlage verwendet werden. Filzstifte müssen nach Farben sortiert zurückgelegt werden. Wer einen Klebestift nimmt, muss kontrollieren, ob der Deckel anschließend wirklich geschlossen ist.

Diese Regeln stammen ausschließlich von Sophie. Sandra hätte niemals gewagt, derart strenge Bastelvorschriften einzuführen. Besonders bemerkenswert ist, dass Sophie selbst darauf achtet. Wenn sie fertig ist, wird alles aufgeräumt. Gelegentlich weist sie sogar Sandra darauf hin, dass eine Schere im falschen Fach liegt. Sandra entschuldigt sich dann natürlich. Schließlich möchte niemand gegen die Hausordnung einer Neunjährigen verstoßen.

Pünktlichkeit wird bei uns von den Kindern überwacht

Markus hält sich eigentlich für einen pünktlichen Menschen. Seit Lena alt genug ist, Uhrzeiten ernst zu nehmen, hat sich sein Selbstbild leicht verändert. Wenn wir um zehn Uhr losfahren wollen, bedeutet das für Markus, dass alle ungefähr um zehn bereit sein sollten. Für Lena bedeutet es, dass um zehn Uhr die Wohnungstür hinter uns ins Schloss fällt.

Deshalb beginnt sie früh genug, ihre Geschwister daran zu erinnern, was noch fehlt. Tom findet das manchmal etwas übertrieben, ist aber meistens trotzdem rechtzeitig fertig. Sophie stellt ihre Schuhe vorsorglich schon bereit. Sandra muss gelegentlich noch eine Tasche packen und wird dabei freundlich darüber informiert, wie viele Minuten verbleiben. Wir sind deshalb inzwischen fast immer zu früh. Andere Familien stehen offenbar regelmäßig hektisch im Vorzimmer und suchen zehn Minuten nach einem Schuh. Bei uns wartet die Hälfte der Familie bereits angezogen auf Markus, weil er noch einmal kontrolliert, ob das Fenster geschlossen ist.

Auch Tischregeln funktionieren ohne Erinnerungen

Gemeinsame Mahlzeiten sind bei uns selbstverständlich vollkommen entspannt. Niemand steht zwischendurch fünfmal auf, niemand benutzt das Handy und niemand erklärt nach zwei Bissen plötzlich, satt zu sein, um zwanzig Minuten später nach etwas Süßem zu fragen. Wir haben irgendwann einige einfache Tischregeln besprochen. Seither überwachen die Kinder ihre Einhaltung größtenteils selbst.

Tom erinnert Sophie daran, erst zu schlucken, bevor sie etwas erzählt. Sophie weist darauf hin, wenn Tom zu weit über den Tisch greift. Lena wartet meistens geduldig, bis alle sitzen, bevor sie anfängt. Markus wiederum wurde schon darauf aufmerksam gemacht, dass ein kurzer Blick auf eine berufliche Nachricht technisch gesehen ebenfalls ein Blick aufs Handy ist. Er versuchte zu argumentieren, dass Arbeit vielleicht eine Ausnahme darstellen könnte. Drei Kinder sahen ihn gleichzeitig an. Seitdem liegt sein Telefon beim Essen ebenfalls außer Reichweite.

Die Erwachsenen versuchen gelegentlich, die Regeln zu lockern

Das eigentliche Problem unserer Familienregeln besteht inzwischen darin, dass Markus und Sandra manchmal gerne etwas großzügiger wären. Wenn Freitagabend ist und niemand am nächsten Morgen früh aufstehen muss, sieht Sandra beispielsweise keinen Grund, wegen einer vereinbarten Schlafenszeit nervös zu werden. Lena möchte trotzdem wissen, ob die Regel nun geändert wurde oder nur heute nicht gilt.

Auch Markus wäre bereit, bei gewissen Dingen spontan fünf gerade sein zu lassen. Tom widerspricht dann gelegentlich mit dem Hinweis, dass Regeln ja sinnlos seien, wenn sie ständig verändert würden. Das ist ein unangenehm logisches Argument. Markus hört solche Sätze normalerweise beruflich von Menschen, die Systeme dokumentieren. Vom eigenen Elfjährigen treffen sie anders.

Aufgaben werden bei uns nicht verteilt, sondern beansprucht

Besonders absurd ist unsere Situation im Haushalt. Wir wollten vermeiden, dass Sandra alles allein erledigt, und haben deshalb einige Aufgaben aufgeteilt. Eigentlich rechneten wir mit dem normalen Widerstand. Stattdessen begann eine Diskussion darüber, wer welche Aufgabe übernehmen darf.

Tom findet Müll und Recycling interessant, weil man dabei das Haus verlassen kann. Lena bevorzugt Tätigkeiten, die sich gut planen lassen. Sophie möchte alles machen, bei dem Wasser, Tücher oder irgendeine Form von Sprühflasche beteiligt sind. Als Sandra einmal sagte, sie könne heute selbst den Tisch abräumen, weil die Kinder genug zu tun hätten, protestierte Sophie. Es sei ihre Aufgabe. Sandra ließ sie machen. Wir möchten schließlich keine familiären Zuständigkeiten untergraben.

Regelverstöße werden erstaunlich sachlich behandelt

Natürlich hält sich auch bei uns nicht immer jeder an alles. Tom vergisst etwas, Sophie lässt doch einmal Bastelmaterial liegen oder Lena kommt später nach Hause als vereinbart. Dann geschieht etwas, das uns selbst manchmal ein wenig irritiert: Die Kinder versuchen gar nicht erst besonders ausführlich zu erklären, warum eigentlich jemand anderer schuld ist.

Tom sagt, dass er es vergessen hat. Sophie räumt ihre Sachen weg. Lena schreibt rechtzeitig, wenn sie merkt, dass sie später wird. Es gibt kaum juristische Grundsatzverhandlungen darüber, ob eine Regel vielleicht falsch formuliert war. Dabei hätte Markus durchaus Freude an einer solchen Diskussion. Stattdessen bekommt er meistens nur ein „Stimmt, mache ich gleich“ und die Angelegenheit ist beendet.

Selbst Geschwister überwachen sich erstaunlich freundlich

Natürlich weisen sich Lena, Tom und Sophie gegenseitig auf Regeln hin. Das könnte schnell nervig werden. erstaunlicherweise funktioniert auch das ziemlich friedlich. Lena sagt Tom, dass er etwas vergessen hat. Tom erinnert Sophie daran, ihre Sachen wegzuräumen. Sophie informiert grundsätzlich jeden über alles, was ihrer Meinung nach geregelt gehört.

Wichtig ist dabei offenbar der Ton. Niemand läuft durch die Wohnung und verteilt Strafzettel. Meistens genügt ein Hinweis. Wenn einer genervt reagiert, lässt der andere es zunächst gut sein. Unsere Kinder haben damit eine Form der internen Selbstverwaltung entwickelt, die Markus zunehmend fasziniert. Er überlegt, ob ähnliche Systeme auch in seinem beruflichen Umfeld funktionieren würden. Sandra hält das für unrealistisch. Erwachsene sind schließlich komplizierter.

Manchmal müssen wir daran erinnern, dass Familie kein Verwaltungsapparat ist

Es gibt Momente, in denen selbst Sandra unsere bemerkenswert strukturierte Familienordnung etwas übertrieben findet. Wenn Lena fragt, ob eine spontane Änderung offiziell beschlossen werden müsse oder Sophie eine neue Regel für die Aufbewahrung von Papier formuliert, erklärt sie gelegentlich, dass man manche Dinge einfach machen könne.

Die Kinder akzeptieren auch das. Widerwillig vielleicht, aber sie akzeptieren es. Dann gibt es einen Nachmittag ohne Plan, ein Abendessen zehn Minuten später oder einen spontanen Ausflug, der in keinem Kalender steht. Erstaunlicherweise überleben wir sogar solche Ausnahmen. Meistens genießen die Kinder sie.

Danach kehren sie allerdings zuverlässig zur gewohnten Ordnung zurück.

Unsere größte Sorge ist inzwischen mangelnde Rebellion

Manchmal fragen sich Sandra und Markus, ob sie etwas falsch gemacht haben. Sollten Kinder Familienregeln nicht gelegentlich infrage stellen? Sollte ein Elfjähriger nicht versuchen, seine Gamingzeit heimlich auszudehnen? Sollte eine Dreizehnjährige nicht erklären, dass ihre Eltern überhaupt nichts bestimmen dürfen? Und sollte eine Neunjährige nicht zumindest einmal behaupten, dass Aufräumen grundsätzlich gegen ihre Menschenrechte verstößt?

Bislang warten wir vergeblich.

Unsere Kinder akzeptieren Regeln, diskutieren vernünftig über Änderungen und erfinden anschließend noch zusätzliche. Wir wollten ihnen eigentlich Struktur geben und haben dabei offenbar einen kleinen Ausschuss für Familienorganisation geschaffen.

Vielleicht wird es irgendwann schwieriger. Vielleicht rebelliert Lena noch, Tom entdeckt die Freude am Regelbruch und Sophie beschließt, dass Klebestifte doch offen liegen dürfen.

Bis dahin müssen Sandra und Markus wohl mit der unangenehmen Realität leben, dass sie in ihrer eigenen Wohnung nicht die strengsten Menschen sind.

Aber niemand hat schließlich behauptet, dass das Leben in einer Bilderbuchfamilie immer leicht für die Eltern sein muss.


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