Mental Load soll vor allem Eltern belasten, die ständig an tausend Dinge gleichzeitig denken müssen. Zahnarzttermine, Schularbeiten, Geburtstage, neue Turnschuhe, leere Zahnpasta, Elternabende, Einkäufe und die überraschende Information, dass morgen unbedingt ein Schuhkarton in die Schule mitgebracht werden muss. Häufig soll dabei vor allem eine Person in der Familie all diese unsichtbaren Aufgaben im Kopf behalten. Bei uns ist das natürlich anders. Sandra hat sich zwar bewusst dafür entschieden, sich hauptsächlich um Familie und Haushalt zu kümmern, aber deshalb käme niemand auf die Idee, dass sie auch noch für jedes Detail verantwortlich sein könnte. Unsere Familie organisiert sich schließlich weitgehend selbst. Manchmal hat Sandra sogar Schwierigkeiten, überhaupt noch etwas zu finden, an das nur sie gedacht hat.
Natürlich gibt es auch bei uns Termine, Verpflichtungen und Dinge, die erledigt werden müssen. Wir haben drei Kinder, eine Wohnung, Schule, Arbeit, Hobbys und vermutlich ähnlich viele Zahnbürsten wie andere Familien. Der Unterschied besteht lediglich darin, dass bei uns offenbar jeder schon von selbst weiß, was als Nächstes ansteht. Mental Load ist deshalb kein unsichtbarer Berg von Aufgaben, sondern eher eine kleine übersichtliche Ablage, die gelegentlich jemand öffnet und anschließend wieder ordentlich schließt.
Sandra muss sich erstaunlich wenig merken
Sandra kennt natürlich die Termine ihrer Kinder. Sie weiß, wann Lena etwas in der Schule hat, wann Tom zum Sport möchte und ob Sophie Material für irgendein Bastelprojekt braucht. Das wäre vermutlich beeindruckend, wenn die Kinder nicht ebenfalls darüber Bescheid wüssten. Lena führt ihre Termine ohnehin selbst. Tom erinnert sich zuverlässig an alles, was ihm wichtig ist, und Sophie kündigt bevorstehende Ereignisse normalerweise so häufig an, dass selbst die Nachbarn wissen könnten, wann ihr nächster besonderer Schultag stattfindet.
Dadurch kommt Sandra nur selten in die Lage, morgens jemanden daran erinnern zu müssen, dass heute Turnunterricht ist oder eine Schularbeit bevorsteht. Meistens stehen die entsprechenden Sachen schon bereit. Gelegentlich fragt sie sogar vorsichtshalber nach, ob wirklich alles eingepackt wurde, und bekommt ein leicht verwundertes „Natürlich“ zurück. Es ist nicht leicht, sich als organisatorisches Zentrum einer Familie zu fühlen, wenn die Peripherie erschreckend selbstständig funktioniert.
Unser Kalender kennt Termine früher als wir
Natürlich besitzen wir einen gemeinsamen Familienkalender. Markus hat dafür selbstverständlich keine einfache Lösung gewählt, denn er arbeitet schließlich in der IT. Alle wichtigen Termine sind sauber eingetragen, kategorisiert und auf den Geräten verfügbar. Wahrscheinlich könnte man sogar automatische Auswertungen darüber erstellen, wie viele schulische, familiäre und private Verpflichtungen wir pro Monat haben. Niemand möchte Markus auf diese Idee bringen.
Das eigentlich Erstaunliche ist aber, dass der Kalender tatsächlich benutzt wird. Lena trägt Termine selbst ein. Sandra ergänzt Familienaktivitäten. Markus verwaltet seine beruflichen Verpflichtungen, und selbst Tom hat verstanden, dass ein Termin erstaunlich zuverlässig stattfindet, wenn man ihn rechtzeitig irgendwo notiert. Dadurch muss niemand permanent das Gedächtnis der ganzen Familie spielen. Wenn Sandra gelegentlich fragt, wann etwas stattfindet, verweist Markus sogar auf den Kalender. Sandra empfindet das inzwischen nicht mehr als persönliche Zurückweisung.
Markus erkennt leere Vorräte beinahe ohne Aufforderung
In vielen Haushalten scheint es eine geheimnisvolle Person zu geben, die als Einzige bemerkt, wenn Toilettenpapier, Milch, Zahnpasta oder Waschmittel zur Neige gehen. Bei uns verteilt sich diese außergewöhnliche Fähigkeit auf mehrere Familienmitglieder. Markus kann beispielsweise selbstständig erkennen, dass eine Packung leer wird. Er braucht dafür weder einen Hinweis noch eine schriftliche Meldung von Sandra.
Einmal bemerkte er sogar beim Zähneputzen, dass die Zahnpasta fast aufgebraucht war, und setzte sie eigenständig auf die Einkaufsliste. Sandra erfuhr erst später davon. Sie war tief beeindruckt. Nicht von der technischen Leistung, sondern von der Erkenntnis, dass ein erwachsener Mann offenbar in der Lage ist, eine nahezu leere Tube als zukünftiges Problem zu identifizieren. Seitdem hat Markus ähnliche Meisterleistungen mehrfach wiederholt.
Die Kinder verwalten ihre eigenen kleinen Katastrophen
Besonders entlastend ist, dass unsere Kinder ihre Verpflichtungen weitgehend selbst im Blick behalten. Lena ohnehin. Sie würde vermutlich eher Sandra an einen Termin erinnern als umgekehrt. Tom benötigt manchmal etwas mehr Anlauf, aber auch er hat inzwischen erkannt, dass ein fehlendes Schulheft am nächsten Morgen deutlich unangenehmer ist als zwei Minuten Kontrolle am Vorabend. Sophie wiederum behandelt schulische Sonderaufträge mit der Wichtigkeit internationaler Staatsbesuche.
Wenn trotzdem einmal etwas vergessen wird, entsteht bei uns keine organisatorische Großkrise. Tom hat schon erlebt, dass etwas nicht dabei war, was er gebraucht hätte. Sophie hat auch schon einen Zettel zu spät aus der Schultasche gezogen. Die Welt ist trotzdem weitergegangen. Sandra musste weder mitten am Vormittag Rettungsfahrten durchführen noch nächtliche Bastelaktionen starten. Die Kinder haben das Problem überlebt und waren danach erstaunlich motiviert, beim nächsten Mal selbst daran zu denken.
Niemand fragt ständig, wo seine Sachen sind
Zu den großen unsichtbaren Aufgaben des Familienlebens gehört angeblich auch das Wissen darüber, wo sich sämtliche Gegenstände befinden. Mütter sollen erstaunlicherweise gleichzeitig wissen, wo Sporttaschen, Ladekabel, Lieblingspullover, Schlüssel und verschwundene Scheren liegen. Sandra verfügt selbstverständlich ebenfalls über diese Fähigkeit, benötigt sie aber viel zu selten.
Wenn Tom etwas sucht, sucht er zunächst tatsächlich selbst. Lena weiß ohnehin meistens, wo ihre Sachen sind. Sophie besitzt zwar ein Ordnungssystem, dessen innere Logik nur ihr vollständig zugänglich ist, findet darin aber erstaunlich zuverlässig das Gewünschte. Natürlich kommt trotzdem gelegentlich jemand und fragt Sandra. Sie antwortet dann gern. Besonders gern tut sie das, wenn die gesuchte Sache direkt vor dem fragenden Kind liegt.
Schultermine überraschen uns niemals am Frühstückstisch
Andere Eltern berichten manchmal von Kindern, die morgens um sieben beiläufig erwähnen, dass sie heute drei Euro, einen Fahrradhelm, ein weißes T-Shirt und ein selbst gestaltetes Plakat benötigen. Solche Überraschungen kennen wir praktisch nicht. Schulzettel werden bei uns zeitnah aus Taschen entfernt und landen dort, wo sie hingehören. Lena erledigt das automatisch, Tom meistens und Sophie mit einer Begeisterung, als würde sie amtliche Dokumente zustellen.
Deshalb kann Sandra Bastelmaterial schon Tage vorher besorgen und Markus rechtzeitig unterschreiben, was unterschrieben werden muss. Es gibt keine morgendlichen Suchaktionen nach Kleingeld und keine hektischen Versuche, aus einem Müslikarton noch schnell ein mittelalterliches Schloss zu bauen. Sandra findet das manchmal fast schade. Sie besitzt schließlich eine Heißklebepistole und würde ihre Fähigkeiten unter Zeitdruck durchaus gerne einmal testen.
Termine der Kinder organisieren sich beinahe selbst
Auch Freizeitaktivitäten verursachen bei uns erstaunlich wenig organisatorischen Druck. Lena weiß, wann sie etwas vorhat, Tom kennt seine sportlichen Termine und Sophie sorgt durch regelmäßige Ankündigungen dafür, dass niemand ihren Kalender vergessen kann. Fahrten werden rechtzeitig abgesprochen. Überschneidungen treten natürlich kaum auf, und falls doch einmal zwei Dinge gleichzeitig stattfinden, lässt sich meist schnell klären, wer was übernimmt.
Sandra sitzt deshalb nicht jeden Sonntagabend mit einem verzweifelten Blick vor einem Kalender und versucht, fünf Menschen durch die kommende Woche zu manövrieren. Stattdessen wird kurz besprochen, was ansteht. Lena kennt ihren Plan, Markus seinen, die anderen ergänzen, was wichtig ist. Wenige Minuten später ist alles geklärt. Mental Load klingt unter diesen Umständen eher wie der Name einer besonders langweiligen Verwaltungssoftware.
Selbst Geburtstage schleichen sich nicht heimlich an
Geburtstage sind ebenfalls erstaunlich unkompliziert. Natürlich kennt Sandra die Geburtstage enger Freunde und Verwandter. Aber sie ist nicht die einzige Person, die daran denkt. Markus kann tatsächlich selbst Geschenke organisieren. Lena erinnert sich an die Geburtstage ihrer Freundinnen, Tom an jene seiner Freunde und Sophie beginnt ohnehin Wochen vorher mit Vorbereitungen, sobald jemand aus ihrem Umfeld Geburtstag hat.
Sandra muss deshalb nicht heimlich im Hintergrund dafür sorgen, dass alle anderen aufmerksame Menschen bleiben. Wenn Markus seiner Mutter etwas schenken möchte, kauft er es. Wenn Tom auf eine Geburtstagsfeier eingeladen ist, weiß er normalerweise selbst, dass dafür irgendwann ein Geschenk benötigt wird. Sandra darf gelegentlich helfen, aber sie muss nicht die gesamte emotionale Infrastruktur der Familie allein betreiben. Das ist ausgesprochen angenehm und vermutlich nur deshalb möglich, weil unsere Familienmitglieder außergewöhnlicherweise alle über ein eigenes Gehirn verfügen.
Auch Markus muss nicht erst beauftragt werden
Besonders wichtig ist natürlich die partnerschaftliche Zusammenarbeit zwischen Sandra und Markus. Markus „hilft“ Sandra nicht im Haushalt. Das wäre schließlich merkwürdig, weil er dort ebenfalls wohnt. Wenn etwas kaputt ist, repariert er es meistens. Wenn etwas erledigt werden muss, erledigt er es. Und wenn Sandra einmal unterwegs ist, muss sie ihm nicht vorher eine ausführliche Bedienungsanleitung für die drei gemeinsamen Kinder hinterlassen.
Markus weiß tatsächlich, wann gegessen wird, wie eine Waschmaschine funktioniert und dass Kinder am nächsten Tag saubere Kleidung benötigen. Er kann sogar selbst entscheiden, was es zum Abendessen gibt. Sandra hat bei ihrer Rückkehr bislang noch nie drei hungrige Kinder und einen ratlosen Mann vorgefunden, der erklärt, sie habe schließlich nicht gesagt, dass jemand kochen müsse. Das Mindestniveau familiärer Überlebensfähigkeit wird bei uns erstaunlich zuverlässig erreicht.
Sandra darf trotzdem die Person sein, die an vieles denkt
Natürlich wäre es übertrieben zu behaupten, dass wirklich alles gleichmäßig verteilt ist. Sandra verbringt mehr Zeit zu Hause und bekommt dadurch mehr vom täglichen Familienbetrieb mit. Sie kennt viele Details, organisiert einiges und bemerkt manche Dinge zuerst. Nur führt das nicht automatisch dazu, dass alles, was einmal in ihrem Kopf gelandet ist, für immer ausschließlich ihre Verantwortung bleibt.
Wenn sie etwas anspricht, wird es übernommen. Wenn Markus zuständig ist, muss sie ihn nicht noch dreimal daran erinnern. Wenn Lena etwas selbst erledigen kann, tut sie es. Und wenn Tom eine Aufgabe vergisst, wird daraus nicht automatisch Sandras Aufgabe. Dadurch bleibt erstaunlich viel Platz im Kopf. Sandra nutzt diesen freien Speicher sogar gelegentlich für Dinge, die ihr Spaß machen.
Familienorganisation fühlt sich bei uns verdächtig unspektakulär an
Am Ende eines normalen Tages könnte Sandra theoretisch eine beeindruckende Liste all jener Dinge erstellen, die sie für die Familie bedacht, organisiert und verhindert hat. Meistens wäre diese Liste allerdings überraschend kurz. Vieles wurde erledigt, bevor es überhaupt zu ihrem Problem werden konnte. Der Kalender erinnerte an Termine, Markus bemerkte einen Einkauf, Lena organisierte sich selbst, Tom dachte an seine Sachen und Sophie erinnerte ohnehin jeden an alles.
Natürlich läuft auch bei uns nicht jeder Tag perfekt. Manchmal wird etwas vergessen, ein Termin verschoben oder eine Aufgabe bleibt liegen. Dann passiert etwas geradezu Erschütterndes: Wir lösen es irgendwie und machen weiter. Niemand muss sämtliche Fäden permanent in der Hand behalten, weil erstaunlicherweise fünf Menschen dazu in der Lage sind, jeweils einige davon selbst festzuhalten.
Sandra liest gelegentlich darüber, wie belastend Mental Load sein kann, und versteht das Problem natürlich vollkommen. Sie weiß nur nicht so recht, was sie dazu aus unserem Familienleben erzählen sollte.
Vielleicht fragt sie beim nächsten Familienabend die anderen.
Falls der Punkt nicht ohnehin schon im Kalender steht.

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