Zeugnistage scheinen in manchen Familien mit einer gewissen Spannung verbunden zu sein. Kinder kommen nach Hause, Eltern wollen sofort sämtliche Noten sehen und irgendwo zwischen Deutsch, Mathematik und Verhalten entscheidet sich offenbar, ob die vergangenen Monate als familiärer Erfolg oder als pädagogische Katastrophe gelten. Manche Kinder sollen auf dem Heimweg sogar überlegen, wie sie ein weniger erfreuliches Ergebnis möglichst geschickt präsentieren. Andere Eltern rechnen schon Tage vorher Durchschnittsnoten aus, vergleichen Leistungen und versuchen sich dabei einzureden, dass ihnen Noten eigentlich gar nicht so wichtig sind. Bei uns ist das natürlich vollkommen anders. Ein Zeugnis ist schließlich nur ein Blatt Papier mit einigen Zahlen und Bemerkungen darauf. Deshalb betrachten wir es mit exakt jener Gelassenheit, die man erwarten würde, wenn drei eigene Kinder ihre schulischen Leistungen schwarz auf weiß nach Hause bringen.
Natürlich freuen wir uns über gute Ergebnisse. Wir sind schließlich nicht vollkommen gefühllos. Wenn Lena wieder ein ausgezeichnetes Zeugnis mitbringt, strahlt Sandra. Markus gratuliert ihr und Sophie möchte genau wissen, welche Noten darin stehen. Tom wirft ebenfalls einen Blick darauf und kommentiert meistens anerkennend, dass seine Schwester „schon wieder komplett übertrieben“ habe. Dann widmet sich die Familie aber erstaunlich schnell wieder anderen Dingen. Niemand rahmt das Zeugnis ein, niemand kündigt eine Pressekonferenz an und Lena muss ihre Leistungen auch nicht mehrere Wochen lang als Mindeststandard für ihre Geschwister zur Verfügung stellen.
Lena sorgt zuverlässig für wenig Überraschung
Bei Lena ist der Zeugnistag ehrlich gesagt nicht besonders spannend. Ihre Leistungen sind das ganze Schuljahr über bekannt, sie arbeitet konsequent und Überraschungen sind eher selten. Wenn sie mit dem Zeugnis nach Hause kommt, kennt sie ihre Noten meistens längst. Sandra könnte theoretisch dramatisch die Hände falten, bevor Lena das Papier aus der Tasche zieht, aber das wäre selbst für unsere Familie etwas künstlich.
Lena freut sich trotzdem. Sie hat gearbeitet, gelernt und möchte natürlich sehen, dass sich ihre Mühe gelohnt hat. Markus und Sandra gratulieren ihr ehrlich und ausführlich genug, dass sie merkt, wie stolz sie sind. Danach darf das Zeugnis aber wieder in die Mappe. Lena braucht keine große Belohnung dafür, dass sie gute Noten hat. Ihre Freude über das Ergebnis reicht erstaunlicherweise aus. Manchmal fragen wir uns, wo wir bei ihrer Erziehung falsch abgebogen sind.
Tom bringt endlich etwas Spannung in die Sache
Zum Glück gibt es Tom. Ohne ihn könnte der Zeugnistag tatsächlich etwas eintönig werden. Tom ist intelligent, aber schulischer Ehrgeiz gehört nicht unbedingt zu seinen dominierenden Charaktereigenschaften. Wenn irgendwo zwischen einer besseren und einer schlechteren Note die Möglichkeit besteht, mit minimalem Aufwand genau in der Mitte zu landen, erkennt Tom diese Option bemerkenswert zuverlässig.
Seine Zeugnisse bieten deshalb deutlich mehr dramaturgisches Potenzial. Natürlich wissen Sandra und Markus auch bei ihm ungefähr, was zu erwarten ist. Trotzdem gelingt es Tom gelegentlich, eine Note mitzubringen, bei der Markus kurz die Augenbrauen hebt. Tom reagiert darauf meistens erstaunlich gelassen. Er kennt das Ergebnis schließlich ebenfalls schon. Häufig hat er sogar eine plausible Erklärung dafür, weshalb genau diese Note vollkommen logisch ist. Manchmal ist die Erklärung beeindruckender als die schulische Leistung selbst.
Eine Drei zerstört bei uns keine Zukunft
Wenn Tom eine Drei nach Hause bringt, passiert bei uns etwas geradezu Unspektakuläres. Sandra schaut sich die Note an. Markus schaut sich die Note ebenfalls an. Dann wird gefragt, ob Tom damit zufrieden ist. Manchmal ist er es. Manchmal sagt er, dass er eigentlich etwas Besseres hätte schaffen können. In beiden Fällen bleibt die Wohnung stehen.
Niemand erklärt ihm, dass er mit dieser Note niemals einen vernünftigen Beruf finden wird. Niemand erwähnt entfernte Bekannte, deren Kinder angeblich ausschließlich Einser schreiben. Vor allem beginnt keine spontane Familienkonferenz darüber, welche Nachhilfemaßnahmen jetzt sofort einzuleiten sind. Eine Drei ist bei uns erstaunlicherweise nur eine Drei. Für eine Familie, die sonst so perfekt funktioniert, leisten wir uns damit eine geradezu revolutionäre Form der Mittelmäßigkeit.
Selbst eine schlechtere Note wird nicht versteckt
Natürlich können auch bei unseren Kindern Ergebnisse auftauchen, über die niemand besonders begeistert ist. Tom hat keinen Grund, ein schlechteres Ergebnis geheim zu halten. Er kommt damit nach Hause und zeigt es. Sandra muss keine zerknitterten Schularbeiten aus den Tiefen eines Rucksacks bergen und Markus muss auch nicht über Umwege erfahren, dass irgendwo schulisch etwas weniger gut gelaufen ist.
Wenn eine Note wirklich schlecht ist, wird darüber gesprochen. Das Gespräch fällt allerdings enttäuschend undramatisch aus. Was ist passiert? Hat Tom etwas nicht verstanden? Hat er zu wenig gelernt? War ihm das Thema egal? Meistens weiß er die Antwort selbst ziemlich genau. Dann wird vereinbart, worauf er beim nächsten Mal achten sollte, und die Sache ist erledigt. Es gibt keine dreistündige Nachbesprechung. Schließlich hat das Kind bereits eine Schule.
Sophie betrachtet ihr Zeugnis als gesellschaftliches Ereignis
Bei Sophie läuft der Zeugnistag anders. Für sie ist ein Zeugnis nicht einfach eine Leistungsübersicht, sondern ein Dokument von hoher persönlicher und familiärer Bedeutung. Sie möchte es zeigen, erklären und sämtliche Bemerkungen gemeinsam durchgehen. Wenn irgendwo etwas besonders Positives steht, wird dieser Abschnitt selbstverständlich ausführlich gewürdigt.
Sophie kann sich allerdings auch über eine Note ärgern, die nicht ihren Erwartungen entspricht. Dann braucht sie ein paar Minuten, um festzustellen, dass das Leben trotzdem weitergeht. Sandra hört zu, Lena versichert ihr, dass eine einzelne Note nicht wichtig ist, und Tom erklärt meistens etwas hilfreiches wie: „Ist doch eh gut.“ Wenig später hat Sophie das Thema verarbeitet und widmet sich wieder wichtigeren Dingen. Meistens der Frage, ob das Zeugnis einen besonderen Nachtisch rechtfertigt.
Vergleiche zwischen Geschwistern wären viel zu anstrengend
Natürlich könnten Markus und Sandra die drei Kinder hervorragend miteinander vergleichen. Lena wäre dabei schulisch vermutlich häufig die Messlatte. Man könnte Tom regelmäßig erklären, dass seine Schwester schließlich auch gute Noten schafft, und Sophie vorsorglich auf Lenas Niveau vorbereiten. Damit ließe sich sicher viel unnötige Spannung in das Familienleben bringen.
Wir verzichten darauf. Nicht einmal aus besonderer pädagogischer Weisheit, sondern weil die Unterschiede zwischen unseren Kindern derart offensichtlich sind, dass der Vergleich ziemlich sinnlos wäre. Lena liebt schulischen Erfolg. Tom interessiert sich für andere Dinge. Sophie entwickelt sich wiederum auf ihre eigene Weise. Jeder bringt deshalb sein eigenes Zeugnis nach Hause und darf es erstaunlicherweise auch behalten, ohne dass daneben die Ergebnisse der Geschwister gelegt werden.
Belohnungen fallen bei uns verdächtig unspektakulär aus
Manche Familien bezahlen offenbar für gute Noten oder verbinden das Zeugnis mit größeren Belohnungen. Bei uns gibt es meistens etwas Gemeinsames. Vielleicht essen wir ein Eis, gehen irgendwohin oder machen am Abend etwas Besonderes. Das tun wir allerdings unabhängig davon, ob das Zeugnis aus lauter Einsern besteht oder etwas abwechslungsreicher gestaltet ist.
Das sorgt gelegentlich für merkwürdige Situationen. Lena bekommt mit ihrem ausgezeichneten Zeugnis dasselbe Eis wie Tom mit einem deutlich durchschnittlicheren Ergebnis. Lena empfindet das erstaunlicherweise nicht als Ungerechtigkeit. Sie versteht offenbar, dass ihr schulischer Erfolg ihr eigener ist und nicht dadurch wertvoller wird, dass ihr Bruder weniger Erdbeereis bekommt. Auch hier zeigt unsere Familie wieder eine erschreckende Schwäche für Harmonie.
Sandra muss keine diplomatische Rede vorbereiten
Sandra kennt diese Gespräche unter Eltern, bei denen schon vor dem Zeugnistag überlegt wird, wie man auf verschiedene Ergebnisse reagieren sollte. Man möchte natürlich nicht zu streng sein, aber auch nicht gleichgültig wirken. Man möchte Leistung anerkennen, ohne Druck zu erzeugen, und gleichzeitig vermitteln, dass Schule wichtig ist. Das klingt ausgesprochen anstrengend.
Sandra macht es sich einfacher. Sie schaut das Zeugnis an und reagiert ungefähr auf das, was tatsächlich darin steht. Wenn ein Kind stolz ist, freut sie sich mit. Wenn eines enttäuscht ist, darf es enttäuscht sein. Wenn etwas schlecht gelaufen ist, wird darüber gesprochen. Damit bleibt erstaunlich wenig Platz für ausgefeilte pädagogische Strategien. Manchmal besteht Erziehung bei uns aus erschreckend viel normaler Unterhaltung.
Markus interessiert eher, ob die Kinder selbst zufrieden sind
Markus betrachtet Zeugnisse ebenfalls relativ pragmatisch. Natürlich schaut er auf die Noten. Aber beinahe noch wichtiger ist ihm die Frage, wie das jeweilige Kind sein Ergebnis selbst bewertet. Lena besitzt dabei erwartungsgemäß höhere Ansprüche als Tom. Eine Note, mit der Tom vollkommen zufrieden nach Hause käme, könnte Lena vermutlich mehrere Minuten beschäftigen.
Markus versucht nicht, diese Maßstäbe anzugleichen. Wenn Tom weiß, dass er viel mehr hätte tun können, sagt Markus das durchaus. Wenn er sich aber wirklich bemüht hat und das Ergebnis trotzdem nicht großartig ist, entsteht daraus kein Drama. Auch ein Systemadministrator weiß schließlich, dass nicht jedes System unter denselben Voraussetzungen arbeitet. Seine Kinder finden diese Analogie wahrscheinlich weniger brillant als er selbst.
Das Zeugnis beendet das Schuljahr tatsächlich
Besonders angenehm finden wir, dass der Zeugnistag bei uns einen gewissen Abschluss darstellt. Sobald die Zeugnisse angesehen, besprochen und abgelegt wurden, beginnt der Blick Richtung Ferien. Niemand verbringt die nächsten zwei Wochen damit, einzelne Noten nachträglich zu analysieren. Tom muss seine Drei nicht beim Frühstück noch einmal rechtfertigen und Lena bekommt auch nicht bis August täglich gesagt, wie stolz alle auf ihre hervorragenden Leistungen sind.
Die Schule darf damit tatsächlich für eine Weile in den Hintergrund treten. Das Zeugnis kommt in die Mappe, die Schulsachen werden langsam weggeräumt und im Kopf entsteht Platz für den Sommer. Selbst Sophie schafft es meistens spätestens am nächsten Tag, nicht mehr über irgendeine einzelne Bewertung zu reden. Für eine Familie mit drei Schulkindern ist diese Fähigkeit vermutlich unsere eigentliche Spitzenleistung.
Schlechte Noten verderben bei uns erstaunlicherweise nicht die Ferien
Wir haben noch nie verstanden, weshalb eine weniger gute Note das Zeug dazu haben sollte, die ersten Ferientage zu ruinieren. Natürlich kann es schulische Situationen geben, die Konsequenzen haben und in denen im Sommer vielleicht etwas nachgeholt werden muss. Aber ein Zeugnis wird nicht besser, wenn man am ersten Ferientag noch einmal besonders enttäuscht darüber ist.
Tom nutzt diese Erkenntnis mit beeindruckender Konsequenz. Sobald das Schuljahr beendet ist, besitzt er die Fähigkeit, schulische Probleme mit nahezu professioneller Effizienz mental zu archivieren. Lena braucht gelegentlich etwas länger, insbesondere wenn sie mit einer eigenen Leistung nicht zufrieden war. Sophie möchte noch ein wenig darüber reden. Dann beginnen die Ferien trotzdem.
Bei uns gewinnt am Ende bemerkenswerterweise jedes Kind
Natürlich könnte man ein Zeugnis als Rangliste betrachten. Lena würde dabei häufig ausgezeichnet abschneiden. Tom hätte weniger Freude daran und Sophie würde vermutlich zunächst überprüfen wollen, nach welchen Regeln die Punkte vergeben werden. Wir betrachten es deshalb lieber als eine ziemlich nüchterne Zusammenfassung eines Schuljahres.
Lena sieht darin das Ergebnis ihrer Arbeit. Tom erkennt meistens ziemlich genau, wo er sich Mühe gegeben hat und wo eher nicht. Sophie freut sich über das, was sie gelernt hat. Markus und Sandra sehen drei Kinder, die ein weiteres Schuljahr hinter sich gebracht haben.
Dann feiern wir.
Nicht jedes einzelne Sehr gut und auch nicht jede Drei. Sondern hauptsächlich die Tatsache, dass das Schuljahr vorbei ist und jetzt einige Wochen lang niemand fragen muss, ob die Hausaufgaben schon erledigt sind.
Selbst in unserer Bilderbuchfamilie gibt es schließlich Dinge, über die sich wirklich alle vollkommen einig sind.

Schreibe einen Kommentar